Archiv des Autors: eli wilhelm

Jiří Vurma, Dorfschreiber 2015, stellt sich vor

Jiří Vurma besuchte im März seine Enkel in Texas. Er schrieb uns einen Brief, wie er sich seine Arbeit als Dorfschreiber vorstellt:

Mein Suhr, Aargau

Es ist für mich eine Ehre, als Aarauer Stadtfotograf das Nachbardorf Suhr ein Jahr lang fotografisch zu begleiten.

Vor einem Vierteljahrhundert spazierte ich mit unseren kleinen Kindern am Bach entlang Richtung Brügglifeld und sagte: „Und bald sind wir in Suhr.” Darauf entgegnete unser fünfjähriger Sohn fragend: „Und sind wir immer noch in der Schweiz?…“
Ich bejahte und so sind wir, ohne die Pässe zeigen zu müssen, bis auf den Suhrer Boden gelangt.

Was ist für mich ein Nachbardorf von Aarau überhaupt?
Immerhin hat Suhr halb so viele Einwohner wie Aarau, das ist eine beeindruckende Zahl. Die Grenzen zwischen den Gemeinden sind unsichtbar, eine Fusion in vielen Köpfen, jedoch vom freiheitlichen Geist der meisten Suhrer-Patrioten abgelehnt.
Ein erhebender Blick in die weite Landschaft bietet sich vom Suhrerchopf über die kleine und hübsche reformierte Kirche, das runde und originelle Calatrava-Haus bis Gränichen und weiter bis an das Ende der Welt.
Autobahn, die Wynentalbahn, SBB – ein Knotenpunkt der Welt, fast wie Rom…
An Stelle des Tiber nur ein kleines, aber bei den sommerlichen Regenfällen wildes Flüsslein, die Suhre.
Auf dem Suhrer Friedhof liegt die Urgrossmutter meiner Kinder begraben, der Grossvater Ernst hat sein ganzes Leben auf dem Suhrerboden für den FC Aarau gewirkt. Weiterlesen

Gelebte Toleranz

Christen, Juden, Muslime, Hinduisten: An der Schule Suhr begegnen sich Tag für Tag Menschen unterschiedlicher Religionen. Zwei davon sind Julia Brack und Gizem Talay. Junge Frauen, Freundinnen, über die religiösen Grenzen hinweg. Zwei, die nicht nur von Toleranz reden, sondern Toleranz tagtäglich leben.

Ein Februarabend, wie er im Bilderbuch steht. Dunkel, bitterkalt, der Frost vom nächsten Morgen bereits sichtbar. Julia Brack und Gizem Talay, beide 15 Jahre alt, sitzen mir am grossen Holztisch entspannt gegenüber. Sie beide sind Schülerinnen der Schule Suhr, wollen in ihrem Leben viel reisen und andere Kulturen entdecken. Zwei, die gemeinsam durch dick und dünn gehen, auch wenn es da einiges gibt, was sie voneinander unterscheidet: Abgesehen davon, dass Gizem im Gegensatz zu Julia grüne Bohnen hasst, haben die beiden sehr unterschiedliche kulturelle und religiöse Hintergründe. Julia Brack, die zusammen mit ihren Eltern und ihrem Bruder in Gränichen wohnt, ist in einer reformierten, christlichen Familie aufgewachsen. Gizem hingegen hat türkische Wurzeln, ihre Familie lebt nach der Lehre des Islam, feiert die muslimischen Feste und pflegt die entsprechenden Traditionen. Ihrer Freundschaft stand dies allerdings nie im Weg. Gizem hat da ganz klare Ansichten: «Ich suche mir selbst aus, mit wem ich befreundet sein möchte. Und das hängt ganz sicher nicht mit der Religion zusammen. Klar, ich habe auch muslimische Freunde, aber grundsätzlich macht es für mich keinen Unterschied, ob einer Christ, Jude, Muslim oder sonst was ist.» Julia bekräftigt: «Natürlich hatten wir anfangs und auch jetzt noch sehr viele Diskussionen im Zusammenhang mit unserer Religion. Ein Konfliktpunkt aber war es nie, im Gegenteil. Man muss sich einfach für den anderen interessieren. Gizem zum Beispiel wollte wissen, was wir an Weihnachten eigentlich genau feiern, und wie wir das tun; mich interessierte, wie türkische Hochzeitsfeiern ablaufen, welche Bräuche und Traditionen es gibt. – Die Religion ist nie zwischen uns gestanden.»

Gegen den religiösen Extremismus
Auch was das Ausleben einer Religion angeht, sind sich die beiden einig. Der Glaube ist wichtig, er sollte aber nicht auf eine extreme Weise und schon gar nicht auf Kosten anderer ausgelebt werden, wie dies aktuell etwa die islamistische Terrormiliz Islamischer Staat in Syrien und im Irak tut. Religion sollte die Menschen näher zusammenbringen – und nicht Hass verbreiten. Sowohl der Islam als auch der christliche Glaube sollten die Menschen zu Toleranz und zu gegenseitigem Respekt erziehen. Sagen die beiden, und ihr Gesicht verrät, dass sie es ernst meinen. Schliesslich leben Sie die geforderte Toleranz ja auch vor.
OLYMPUS DIGITAL CAMERA«Die Schweiz ist meine Heimat» Weiterlesen

Voll in Fahrt

Kalt, grau, nass. Drei Begriffe, welche die aktuelle Wetterlage bestens beschreiben. Ein trüber, nebliger Dezembermorgen, von Schnee keine Spur. Was mich freuen würde, wäre für Fiona Eichenberger, 15 Jahre alt und Bikerin in der U17 Nationalmannschaft, wahrlich kein Geschenk. Training im Schnee? Nein danke, sie hat schon genug zu kämpfen mit der winterlichen Kälte. So sind wir irgendwie beide froh, dass unser frühmorgendliches Gespräch im warmen Wohnzimmer stattfindet.

Seit mehr als 5 Jahren fährt Fiona an jedem Schweizer Bikerennen ihrer Kategorie mit. Dieses Jahr hat sie den Aufstieg in die U17 Nationalmannschaft geschafft, wo sie ab nächstem Jahr als offizielles Mitglied weitere Rennen bestreiten wird. Für Fiona, die in Suhr zur Schule geht, war früh klar, dass Biken ihr Sport ist: «Das Fahren in der Natur, die Abwechslung, das Risiko: Es ist immer etwas Neues, keine Strecke ist gleich, mir wird es nie langweilig.» Nach einem Schnuppertraining beim Bikeclub Gränichen entschied sich Fiona, richtig in den Bikesport einzusteigen. Bereut hat sie es nie. Sowohl ihr älterer Bruder, der Erste der Eichenbergers, der anfing zu biken, als auch ihr jüngerer Bruder sind dem Biken verfallen. Selbst die Eltern haben ein Bike in der Garage stehen, benutzen es aber nur ab und zu – und sie fahren auch keine Rennen.
Fiona3Zurzeit trainiert Fiona unter anderem in Gränichen, im Team von Beat Stirnemann. Ein Trainer, der weit über die Bike-Hochburg Gränichen hinaus für sein grosses technisches und taktisches Knowhow bekannt ist. Nicht zuletzt dank seiner intensiven Unterstützung konnte Fiona letztes Jahr beim Heimrennen einen Podestplatz nach Hause fahren. «Es macht einen schon stolz, im eigenen Dorf auf das Treppchen zu steigen. Weiterlesen

Vom Geschick, nie den Faden zu verlieren

Nähen, häkeln, stricken. Was so manchen bis an den Rand der Verzweiflung bringt, ist für sie ein Kinderspiel. Nadel, Faden, Schere und Bügeleisen sind zu ihren stetigen Begleitern geworden. Stich für Stich näht sich Michal Wälti durch ein Leben, das geprägt ist von Kreuzstich, Vorstich und Saumstich.

Draussen ist es kalt, der Winter hält langsam, aber sicher Einzug. Der stetig fallende Regen scheint mehr und mehr zu Schnee zu werden, und die Temperaturen halten sich gerade noch so über dem Nullpunkt. Michal Wälti lässt sich von all dem nicht beeindrucken. Trotz des stumpfen Graus und des zähen Nebels ist sie optimistisch, fröhlich und gesprächsfreudig. Das sei eigentlich immer so, sie habe fast immer gute Laune, meint sie. Dies fällt mir jetzt, wo ich im warmen Wohnzimmer der Familie Wälti sitze, auch nicht mehr so schwer. Und überdies ist ihre gute Laune ansteckend. «Grundsätzlich», sagt sie, «bin ich allem und jedem gegenüber offen.» Man glaubt es ihr aufs Wort. Michal, 17 Jahre alt, ist eine herzliche und motivierte junge Frau. Was alles Technische anbelangt, ist sie vollkommen talentfrei, dafür aber handwerklich umso geschickter. Und am liebsten im Zusammenhang mit Textilien. Eben: Nadel, Faden, Schere. Und Bügeleisen. – Ja, Michal ist Schneiderin. Das heisst, früher wäre sie Schneiderin gewesen; heute aber, im 21. Jahrhundert, heisst das fachmännisch Bekleidungsgestalterin. Fachrichtung Damen. Versteht kein Mensch, findet Michal. Ihr ist die frühere, weniger stylische Bezeichnung lieber. Schneiderin – kurz und bündig. So oder so ein eher ungewöhnlicher Beruf für eine junge, moderne Frau, stellt man sich doch unter dem Begriff ganz anderes vor: das tapfere Schneiderlein, Frauen auf dem Ofenbänklein, rüstige Rentnerinnen beim lismen.
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Michal schmunzelt. Es ist wohl nicht das erste Mal, dass sie mit solchen Klischees konfrontiert wird. «Zu meiner eigenen Verwunderung», sagt sie, «scheint dieses negative Hausfrauen-Image heute gar nicht mehr zu existieren. Für die meisten Leute in meinem Umfeld jedenfalls war meine Berufswahl überhaupt kein Problem. Keine mitleidigen Blicke, keine doofen Sprüche. In meinem Freundeskreis waren alle positiv überrascht, und heute sind sie begeistert von dem, was ich mache. Vor allem stehen meine Eltern voll und ganz hinter mir.» Selbstverständlich ist das alles nicht. Weiterlesen

Running Free oder Ein Sport ohne Grenzen

Zeigen und zeigen lassen, das ist das Motto der weltweiten Freerunning-Community. Konkurrenz? Gibt es nicht. Sie alle sind eine einzige grosse, Grenzen überschreitende Familie. Sowohl im geografischen als auch sportlichen Sinne. So unterschiedlich diese Sportler sein mögen, in einem Punkt sind sich alle einig: Man hört nie auf dazuzulernen.

Mikail Tasdelen ist einer der vielen Jungen, für die Freerunning längst mehr als nur ein Sport ist. Es ist eine Lebenseinstellung, das Team seine zweite Familie. Sport verbindet. Alter, Bildungsstand oder Herkunft spielen dabei keine Rolle. Mikail, vierzehn Jahre alt, ist gebürtiger Türke, lebt jedoch seit frühester Kindheit zusammen mit seinen Eltern und den zwei Schwestern in Suhr und besucht mittlerweile die dritte Realschulklasse. Er wirkt ziemlich locker und sympathisch, als ich ihn an einem Montag Anfang Oktober vor der Schule treffe. Pünktlich auf die Minute und standesgemäss in weiten Trainerhosen und T-Shirt tritt er mir in lässigem Gang gegenüber. Seit mittlerweile knapp zwei Jahren verwendet Mikail seine gesamte Freizeit darauf, zu trainieren. In der Halle oder im Freien, im Team oder alleine, in der Schweiz oder im Ausland. Wo immer möglich, überspringt er Mauern, rennt über Häuserdächer und überwindet (fast) alle Hindernisse, die sich ihm in den Weg stellen. Ein Freerunner eben. Angst hat er längst nicht mehr. Das überlässt er seiner Mutter. Aber es sei gut, immer eine gesunde Portion Respekt zu haben und den Hindernissen mit Verstand entgegenzutreten, meint Mikail. Was passieren kann, wenn man sich überschätzt, hat er kürzlich am eigenen Leib erfahren müssen. Das Ziel hoch gesteckt, das Risiko annehmbar, doch der Optimismus wohl etwas zu gross: Anstatt auf den Füssen, landete er auf dem Kopf: Gehirnerschütterung. Mir scheint jedoch, er nehme das recht gelassen. Allgemein scheint er nicht der Typ zu sein, der etwas plant oder Unfälle und Verletzungen allzu ernst nimmt.
Mikail Tasdelen

Seit einiger Zeit ist Mikail Nachwuchsmitglied des Teams «NurfCH». Trainer oder Chef gibt es in diesem Sinn keinen. Weiterlesen

Vom Malen mit Licht

 Das Festhalten des Augenblicks, das Malen mit Licht, das Erschaffen von Erinnerungen, der Ausdruck der Seele. Das alles ist Fotografie. Dennoch hat jeder Einzelne, der sich die Fotografie zur Leidenschaft gemacht hat, ein anderes Verständnis dieser komplexen Wissenschaft. Einer von ihnen ist Florian Stauber – ein Foto-Philosoph.

Leuchtende Sonnenstrahlen, ein leichter Luftzug. Ich sitze auf einer Schaukel und fühle mich wie früher, als ich noch in den Kindergarten ging. Natürlich, ich bin älter geworden – wie mein Gegenüber. Auch Florian Stauber ist nicht mehr mein Kindergarten-Gspäänli, das sich nur für Lego und Playmobil interessiert. Heute ist er in der 4. Klasse der Bezirksschule, und bereits nächsten Sommer beginnt er seine Lehre zum Lichtmaler oder, in Fachsprache: Fotofachmann. Man könnte ihn durchaus als «Fotocrack» bezeichnen, denn einen Grossteil seiner Freizeit verwendet er für die Fotografie, die er mittlerweile auf einem durchaus professionellen Niveau betreibt.
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Gleich zu Anfang unseres Gesprächs erzählt er mir schmunzelnd eine kleine Anekdote rund um die Anfänge seiner Fotografie-Leidenschaft: Weiterlesen

Von der Kunst, Kunst zu erschaffen

Manchmal leuchtend und fröhlich wie van Goghs Sonnenblumen, und dann wieder ruhig und schlicht wie die Seerosen von Claude Monet. Ein Gegensatz, der vieles beschreiben kann. Auf zweierlei jedoch trifft er besonders zu: die Malerei und Elisa Bürki.

Sowohl die Kunst als auch Elisa haben viele Facetten. Und viele Inspirationsquellen. Elisa Bürki holt sich ihre Ideen vor allem in der Natur. Regen, Gewitter, Hagel, Regenbögen, der Mond und das Meer haben es ihr angetan. «Besonders interessant finde ich Naturschauspiele; manchmal sehe ich aber auch etwas im Internet, das mich dazu inspiriert, etwas Ähnliches auszuprobieren, und das mir hilft, mit meiner Malerei neue Wege einzuschlagen.» Am allerliebsten jedoch, sagt Elisa, bringe sie ihre Wünsche und schönen Erinnerungen gestalterisch aufs Papier. Früher mit Farbstift und Wasserfarbe, heute mit Acryl.
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Erstaunlicherweise und entgegen meinen Erwartungen interessiert sich Elisa aber weniger für die Kunst an sich als für das Erschaffen von Kunst. Weiterlesen

Ein Leben zwischen Dur und Moll

Gerade erst das Debütkonzert gegeben und schon weiter zum Interview: ein Leben nach Zeitplan, manchmal zumindest. Sophie Holma, 15 Jahre alt, ist auf dem besten Weg, eine erfolgreiche Pianistin zu werden.

Ich trete ein in ein Zimmer, das so aussieht, wie man es in Anbetracht der Besitzerin erwarten würde: unscheinbar, einladend und mit einer Prise Chaos, die es gemütlich erscheinen lässt. Trotzdem sehe ich auf den ersten Blick, dass hier noch im Eiltempo Ordnung geschaffen und ein Stuhl bereit gestellt worden ist vor meinem Eintreffen, was ich sehr schätze. Bett, Kleiderschrank, überfüllter Schreibtisch – eigentlich nicht anders als mein eigenes. Eigentlich! Denn das Interessante an diesem Zimmer ist nicht die Einrichtung, sondern die Bewohnerin. 15 Jahre jung und mit grossem musikalischem Talent und einem noch grösseren Willen ausgestattet: Das ist Sophie Holma. Wer ist diese junge Musikerin mit finnischen und japanischen Wurzeln wirklich? Sophie ist eigentlich ein gewöhnliches 15-jähriges Mädchen aus Gränichen im Kanton Aargau. Früher eher schüchtern, heute eine aufgestellte und fröhliche zukünftige Kantischülerin. Wäre da nicht ihr Hobby, das mittlerweile zur Leidenschaft geworden ist und bald vielleicht auch zum Beruf werden wird, könnte man meinen, sie führe ein ganz normales, unspektakuläres Leben. Die Faszination fürs Klavier und das Talent kommen nicht von ungefähr; Sophies Eltern sind nämlich beide erfolgreiche Pianisten, und auch ihr Bruder ist dem Klavier verfallen. Es liegt also in der Familie. Das sei gut und schlecht, meint Sophie. Dur und Moll. Weiss und schwarz. Einerseits toll, dass alle die gleiche Leidenschaft haben; andererseits schwer, da man nichts verstecken kann, wenn alle vom Fach sind. Grundsätzlich aber eher positiv, findet Sophie. «Natürlich ist es ziemlich speziell, und es gibt auch einen gewissen Druck, da man die Eltern und sich selber nicht enttäuschen will. Aber, ich habe gelernt, damit umzugehen, und insgesamt hat es eigentlich mehr Vor- als Nachteile.» Weiterlesen

Vom Glück, glücklich zu sein

«Blüemlibalkon» hoch über der belebten Suhrer Bachstrasse. Über mir die sengende Sonne, unter mir ein buntes Stimmengewirr und vor mir – Flavia Bindschedler: siebzehn Jahre alt, Gelegenheitsperfektionistin und leidenschaftlicher Musicalfan.

Flavia2Eigentlich sind die Eltern schuld, wie so oft. Für Flavia ist das aber nicht so schlimm – im Gegenteil: statt Hannah Montana oder DJ BoBo hörte Flavia zu Hause schon früh Jazz- und Swing-Klassiker wie Frank Sinatra und Louis Armstrong und sah sich Musicalfilme an. Kein Wunder also, ist sie heute begeisterte Musicalsängerin und träumt von einer Solorolle. Dass das schwer wird, weiss Flavia natürlich, doch die Vision treibt sie immer wieder an. Und Träume sind ja auch dazu da, wahr zu werden.

Angefangen hat alles mit dem berühmten Musical «My Fair Lady», in dem sich ein Sprachprofessor in die Blumenverkäuferin Eliza Doolittle verliebt Weiterlesen

Die Jungschreiber – Severin Obrist

Gestatten: Obrist

Was tat ein Obrist vor, sagen wir: 350 Jahren? – Soldaten herumkommandieren. Schliesslich war er ja Oberst. – Und was tut ein Obrist heute? Genau dasselbe: Anweisungen geben, die Übersicht behalten. Eine faule Socke, der Obrist? Ganz im Gegenteil. Ich bin einfach gescheit genug, unangenehmen Aufgaben und Arbeiten aus dem Weg zu gehen und grosszügigerweise anderen zu überlassen. Das hat wenig zu tun mit Faulheit – aber viel mit Intelligenz. Meistens entfaltet sich diese Intelligenz vor dem Computer, und zum Leidwesen meiner Eltern tut sie das dann immer sehr ausgiebig. Natürlich kommt es vor, dass ich nicht vor dem Computer sitze; dann bin ich entweder in der Schule, spiele auf meinem iPhone, bin im Training oder in der Pfadi.

Das Training oder die Pfadi würde ich nie andern überlassen, denn das macht mir richtig Spass. – Wenn ich von Training rede, meine ich übrigens (Ursina würde sagen: incidentally) die japanische Sportart Aikido. Das ist eine Kampfkunst, bei der es darum geht, die Kraft des gegnerischen Angriffs abzuleiten und den Gegner mit derselben Kraft vorübergehend angriffsunfähig zu machen. Seit bald drei Jahren bin ich nun schon Aikidoka, und ich darf behaupten, zu den besten in meiner Altersgruppe zu gehören. Ich finde es toll, dass es beim Aikido nicht um die eigene Aggressivität geht, sondern darum, die Angriffsenergie des Gegners für sich auszunützen. Ich habe im Schulsport damit angefangen, zeitgleich mit zwei Freunden. Schon nach einem halben Jahr wurden wir offiziell Clubmitglieder und begannen häufiger zu trainieren. Ehrlich gesagt: Fürs Training war ich noch nie zu faul!

Dasselbe gilt für die Pfadi. Ich bin in der Pfadi St. Georg Aarau – schon seit fast zehn Jahren. Bin also kein junger Fuchs mehr, sondern längst ein alter Hase. Pio-Stufe. Das ist die letzte Stufe vor dem Pfadi-Leiter. Bis dahin brauche ich aber noch zwei Jahre. In der Pfadi habe ich schon so viel Abenteuerliches erlebt: all die Lager, aber auch die wöchentlichen Übungen, die fast genauso toll waren und es immer noch sind. Überhaupt habe ich ein spannendes Leben, wenn ich nicht gerade in der Schule bin. Es gäbe noch sehr viel über mich zu schreiben. Aber irgendwie bin ich im Moment zu intelligent dazu und mache deshalb hier einen Punkt.