Vom Geschick, nie den Faden zu verlieren

Nähen, häkeln, stricken. Was so manchen bis an den Rand der Verzweiflung bringt, ist für sie ein Kinderspiel. Nadel, Faden, Schere und Bügeleisen sind zu ihren stetigen Begleitern geworden. Stich für Stich näht sich Michal Wälti durch ein Leben, das geprägt ist von Kreuzstich, Vorstich und Saumstich.

Draussen ist es kalt, der Winter hält langsam, aber sicher Einzug. Der stetig fallende Regen scheint mehr und mehr zu Schnee zu werden, und die Temperaturen halten sich gerade noch so über dem Nullpunkt. Michal Wälti lässt sich von all dem nicht beeindrucken. Trotz des stumpfen Graus und des zähen Nebels ist sie optimistisch, fröhlich und gesprächsfreudig. Das sei eigentlich immer so, sie habe fast immer gute Laune, meint sie. Dies fällt mir jetzt, wo ich im warmen Wohnzimmer der Familie Wälti sitze, auch nicht mehr so schwer. Und überdies ist ihre gute Laune ansteckend. «Grundsätzlich», sagt sie, «bin ich allem und jedem gegenüber offen.» Man glaubt es ihr aufs Wort. Michal, 17 Jahre alt, ist eine herzliche und motivierte junge Frau. Was alles Technische anbelangt, ist sie vollkommen talentfrei, dafür aber handwerklich umso geschickter. Und am liebsten im Zusammenhang mit Textilien. Eben: Nadel, Faden, Schere. Und Bügeleisen. – Ja, Michal ist Schneiderin. Das heisst, früher wäre sie Schneiderin gewesen; heute aber, im 21. Jahrhundert, heisst das fachmännisch Bekleidungsgestalterin. Fachrichtung Damen. Versteht kein Mensch, findet Michal. Ihr ist die frühere, weniger stylische Bezeichnung lieber. Schneiderin – kurz und bündig. So oder so ein eher ungewöhnlicher Beruf für eine junge, moderne Frau, stellt man sich doch unter dem Begriff ganz anderes vor: das tapfere Schneiderlein, Frauen auf dem Ofenbänklein, rüstige Rentnerinnen beim lismen.
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Michal schmunzelt. Es ist wohl nicht das erste Mal, dass sie mit solchen Klischees konfrontiert wird. «Zu meiner eigenen Verwunderung», sagt sie, «scheint dieses negative Hausfrauen-Image heute gar nicht mehr zu existieren. Für die meisten Leute in meinem Umfeld jedenfalls war meine Berufswahl überhaupt kein Problem. Keine mitleidigen Blicke, keine doofen Sprüche. In meinem Freundeskreis waren alle positiv überrascht, und heute sind sie begeistert von dem, was ich mache. Vor allem stehen meine Eltern voll und ganz hinter mir.» Selbstverständlich ist das alles nicht. Dessen ist sich Michal sehr bewusst. Noch immer nämlich sind es laut Statistik fast nur Frauen, die diesen Beruf ausüben. Im Kanton Aargau sind es dieses Jahr gerade mal 17 Jugendliche, die sich für diese Ausbildung entschieden haben. Allesamt Frauen. «Männer? – Gibt es, ja», sagt Michal. «Aber sie kommen eher selten vor – jedenfalls in meinem Berufsfeld. Sie lacht. Schneider sei halt irgendwie immer noch ein Frauenberuf, trotz der vielen männlichen Modeschöpfer und -zaren wie Karl Lagerfeld, Giorgio Armani, Hugo Boss oder Christian Dior.

Michal hatte schon immer ein Händchen und eine grosse Faszination für Textilien, obwohl sie selbst lange gebraucht hat, um dies zu realisieren. «Früher hat es mir einfach Spass gemacht; ich fand es toll, eine Sechs im Fach Textiles Werken zu haben. Damals war das aber nicht weiter speziell, ich habe mir nichts dabei gedacht. Erst in der Oberstufe bin ich auf den Beruf gestossen.» Weshalb sie dabei blieb? «Es ist einfach ein schönes Gefühl, wenn man das Endprodukt in den Händen hält. Und Fehler kann man, wenn man einmal weiss wie, so gut ausbügeln, dass man sie dem, was am Ende rauskommt, gar nicht mehr ansieht. Das Kreative ist mit dem Handwerklichen verbunden, und ich finde es toll, die Fähigkeit zu haben, ein Kleidungsstück von A bis Z selber zu produzieren.»

Recycling-Kleider
Mit Servietten hat Michal angefangen, Kleider zu gestalten, denn Stoff war schon damals ein teures Gut, das sich die 12-Jährige nicht en gros leisten konnte. Die Faszination – zudem wohl genetisch bedingt, war doch bereits ihr Grosi Schneiderin – wuchs immer mehr. In mühevoller Kleinarbeit klebte Michal Servietten aneinander, Stunde um Stunde, Tag um Tag, und schuf damit alle möglichen Kreationen von kleinen Kronen bis hin zu ganzen Ballkleidern. Mit bewundernswerter Genauigkeit und feinster Planung schneiderte sie Kleid um Kleid, von Gelb über Rot bis hin zu Blau, egal ob kurz oder lang, luftig oder anliegend, mit oder ohne Krone.

«Und?», frage ich. «Hast du da jeweils an dir selbst Mass genommen? Passen die Kleider noch?» Michal sieht mich lange an – und dann verschwindet sie, um kurz darauf wiederzukommen mit ihren zwei «Schatzkisten», wie sie sagt. Der Versuch allerdings, mir tatsächlich eines dieser Kleider angezogen zu präsentieren, scheitert kläglich. Das edle Teil ist entweder zu eng oder über die Jahre geschrumpft. Michal meint lachend: «Scheint wohl doch schon ein wenig länger her zu sein!» Doch es findet sich noch weiteres interessantes Stück. In der anderen der beiden Schatzkisten: ein Kleid aus lauter Tetrapacktüten. «Das habe ich mal im Rahmen eines Begabungsförderungsprojekts an der Bezirksschule gemacht», erklärt Michal mit einem breiten Schmunzeln im Gesicht. – Und ich muss zugeben, ja, es hat Stil. Vielleicht ein Meisterwerk zukünftiger, eigener Recyclingmode? Eine frühe Schöpfung, von der in ein paar Jahren alle reden werden? – Wohl eher nicht, findet Michal. Praktisch wäre es ja schon und umweltschonend noch dazu. Doch jetzt schon ihren zukünftigen Stil zu bestimmen, sei ihr zu früh.
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Michal bewältigt jeden Tag ein riesiges Pensum, bei dem sie immer mit Herz, Hirn und Geduld dabei sein muss. Wenn sie abends nach Hause kommt, ist sie oft einfach nur froh, einmal nichts tun zu müssen. Neben Berufsmatur, Berufsschule und Ausbildung bleibt nicht mehr allzu viel Zeit für Zusätzliches, und wie viele andere muss auch Michal erkennen, dass die Zeit für Hobbies immer knapper wird. Ihre wichtigsten Freizeitbeschäftigungen, Volleyball und Jungschar, will sie aber keinesfalls aufgeben. Bisher hat sie schliesslich beides mit der Berufslehre unter einen Hut gebracht. Falls das auf Dauer dann doch nicht gehen sollte, sagt sie und macht dabei ein Gesicht, als wolle sie daran gar nicht denken, müsse sie sich halt für eines von beiden entscheiden.

Bei Michals kreativer Arbeit hat sich einiges geändert. Ihr Stil ist jetzt gewählter, elegant und ein wenig verspielt. Schmuck, Glitzer und schöne Frisuren haben es ihr besonders angetan. «Farben und Formen, die mir früher nicht gefallen haben, sehe ich jetzt ganz anders; ich fange an, sie zu schätzen, und habe immer öfter das Gefühl, sie passen zu mir.»

Und die Lehre
Um dort anzukommen, wo sie heute steht, musste Michal einen langen Weg gehen: Anfangs hat sie diesen Beruf nämlich nicht einmal in Betracht gezogen. Die Zeit der Berufswahl kam und mit ihr, dank ihres damaligen Lehrers, auch das echte Interesse, ihr Hobby zum Beruf zu machen. Bald wurde daraus eine fixe Idee, und so bewarb sich Michal nach einem Wechsel in die Bezirksschule schliesslich für eine Lehrstelle als Schneiderin. Und nach bestandener Aufnahmeprüfung gings auch schon los.
Obwohl Michal weiss, dass die Aussichten auf eine feste Stelle nach der Lehre klein sind, gibt es doch etwas, was sie gerne irgendwann erleben möchte: Schneiderin für Theaterkostüme oder Brautmode sein. «Das wärs!», sagt sie, und ihre Augen glänzen. All die verspielten Elemente, die vielen Farben und die extravaganten Schnitte haben es ihr angetan und werden sie wohl auf ewig faszinieren.
Die Zukunft aber steht noch in den Sternen. Immerhin: Mit der Berufsmatur, die sie berufsbegleitend absolviert, stehen ihr nach der Lehre alle Türen offen. Und sollte sie sich einmal vernähen oder zu fest aufs Gaspedal der Bernina-Nähmaschine drücken – kein Problem. Keine weiss besser als sie, wie man eine Naht wieder auflöst. Wenigstens beim Stoff. Vielleicht aber auch im richtigen Leben.
Ursina Mühlethaler

 

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