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«Wohnen im Obstgarten»

Eine riesige Mulde steht auf dem Parkplatz der Siedlung neben dem Restaurant «Sportplatz». Frauen und Männer verschiedenen Alters befüllen sie mit Ästen und Gesträuch. Es ist grosser Arbeitstag für die BewohnerInnen der Häuser an der Bachstrasse 95, die wie jedes Jahr im Februar die Hecken des Gemeinschaftsgartens stutzen. Dieses Jahr haben sie zum ersten Mal einen Profigärtner engagiert (Amsel-Gartenbau aus Suhr) für ein umfassenderes Auslichten. Die Dorfschreiberin hält in den nächsten Stunden einige BewohnerInnen von der Arbeit ab, weil sie herausfinden will, wie diese Art von Garten funktionieren kann.

Was macht diese Siedlung aus?
Auf 50 Aren Land stehen 10 Häuser. Zäune, um die 500 qm pro Haus als Eigentum zu reklamieren, gibt es keine. Ja, die BewohnerInnen dieser Siedlung müssen sich dazu verpflichten, keinen Zaun zu errichten. Der Baugrund war ursprünglich einer der grossen Obst- und Kleinviehgärten, die typisch waren für die Häuser im Feld. Als Ausgleich für die beim Bauen gefällten Bäume pflanzte jede Familie beim Einzug 1993 einen Hochstammbaum ihrer Wahl in den Garten.
Die Dorfschreiberin sieht vor den Längsseiten der Häuser Sitzplätze auf Kies, auf Holz, Pergolen, eine kleine Terrasse mit Zaun (nur hier erlaubt für den Hund), rankende Pflanzen direkt aus der Erde oder aus Töpfen. Ihr wird erklärt, dass dies die drei Meter «Sondernutzungszonen» für den individuellen Gebrauch sind, genauso wie der eine Meter seitlich der Häuser (Velounterstände, Materiallager). Der ganze Rest ist:

Gemeinschaftsland – mit Hecken an der äusseren Grundstückgrenze, Wiese und Bäumen.

«Gibt es da niemals Streit? Braucht es einen Chef?» fragt die Dorfschreiberin. Ihr wird erklärt, dass es hier um Stockwerkeigentum geht mit entsprechender Stockwerkeigentümergesellschaft, mit einem formellen Präsidenten und Sitzungen im siedlungseigenen Gartenhaus, die im Turnus geleitet werden. Kassier und Protokollführer als Ämter, die Konstanz benötigen, bleiben bei den gleichen Personen. Die Protokollführerin lädt z.B. an die Arbeitstage ein – der nächste im Mai, um alles sommerfein zu putzen und zu reparieren, ein «Abräumtag» im November. (Gerade bestellt sie Pizza für alle.) Im Vertrag für die Stockwerkeigentümer wurde festgehalten, dass alle Entscheide einstimmig erfolgen müssen. Man kommt also nicht darum herum, den Kompromiss zu finden. Klar, «Zusammenraufen» war nötig in der ersten Zeit, an grossen Streit kann sich niemand erinnern. Diskussionen um die Menge von Kinderspielgeräten auf dem Gelände gab es und Kompromisse zu Hasengehegen auf der Wiese, die pragmatisch ausfielen: nur die direkten Nachbarn müssen zustimmen. Alle Hüttli/ Ställe müssen bewegbar bleiben.

Rasenmähen und Feiern
Eine weitere gemeinschaftliche Aufgabe ist das Rasenmähen – jeweils zwei Häuser sind dafür zuständig. Das ergibt für jede Familie höchstens zwei Einsätze im Jahr, komfortabel mit einem Aufsitzmäher. Augenzwinkernd wird berichtet, dass mit dieser Wahl die Attraktivität des Rasenmähens für die Jungen erhöht werden sollte. Der Service am Rasenmäher erfolgt siedlungsintern dank gewiefter Praktiker vor Ort.
Im Übrigen gibt es bei nur 10 Parteien immer den schnellen informellen Weg. Über Partys im Gartenhaus wird z.B. per Siedlungschat informiert.

Lebensform
Die BewohnerInnen, die explizit diese Lebensform (und nicht ein Einfamilienhaus mit Keller und Umschwung) gewählt hatten, erklären, wie bereits Bauweise und Anordnung der Holzhäuser das Zusammenleben erleichtern: Grosse, bodentiefe Fenster wechseln sich mit Wandelementen ab, so dass man sich innen nicht ausgestellt, aber doch halb im Freien fühlt. Die Bereiche vor den Häusern sind zwar «öffentlich», dennoch hat man bei keinem Sitzplatz Einsicht in den der Nachbarn. Mehr Privatsphäre im Freien bieten die Dachterrassen mit den hohen Brüstungen.
Einerseits sind sie Rückzugsort – im Sommer gehe der Blick von oben auf ein Blättermeer, wird erzählt. Während des Corona-Lockdowns seien sie aber auch ein beliebter Ort für Gespräche über die Dächer hinweg gewesen. Eine Bewohnerin entdeckte im Homeoffice, wie belebt der Garten ist: Singdrosseln machten sich über die letzten Glockenäpfel her. Alle waren sich einig, dass die Offenheit ihrer Siedlung, der Blick in die Natur, und durchaus auch der in die Fenster der Nachbarn, ihnen freundlich versicherte, dass das Leben weitergeht.

Ein wenig Statistik
Von den 10 Familien, bzw. werdenden Familien, die vor über 20 Jahren einzogen, leben heute noch immer 8 hier. Fünf Familien kannten sich schon vorher – ihre Kinder waren gemeinsam in der Krabbelgruppe und teils sogar am gleichen Tag im « Storchennest » in Lenzburg zur Welt gekommen. Im Durchschnitt hat hier jede Familie 2,6 Kinder (Schweizer Durchschnitt: 1,6 Kinder).

„An den Scheidewegen des Lebens stehen keine Wegweiser.“

Diese Einsicht von Charlie Chaplin (1889-1977) hat der Dorfschreiber selber erlebt:

„Darf ich eine Aufnahme von Ihnen machen?“ fragte ich eine Frau im Rollstuhl vor einem Gottesdienst in Suhr. „Wenn Sie kein Asylant sind, dann schon!“ hat sie geantwortet. „Aber ich bin ein Asylant,“ antwortete ich frech (ein Ex-Asylant von 1968). Im Moment war sie stutzig, nach einer Weile hat sie sich gefasst und gesagt: „Aber Sie sprechen Deutsch!“ „Ja, die anderen lernen es auch.“ Das Foto durfte ich machen und der Gottesdienst hat seinen Anfang genommen…

Anfangs September 2013 sind die ersten siebzig Asylsuchenden in das provisorische Asylzentrum im zwölfstöckigen ehemaligen Schwesternhaus des Kantonsspitals Aarau an der Südallee in Suhr eingezogen.  Meistens sind es Frauen und Kinder, Leute mit gesundheitlichen Problemen oder minderjährige Jungs ohne Familie. Eine der vier Betreuungspersonen  informierte mich: „Von den weltweit 60 Millionen Flüchtenden (davon sind die Hälfte Kinder!) wohnen hier 138 Menschen aus zehn Nationen unter einem Dach, vom Neugeborenen bis zur  neunzigjährigen syrischen Grossmutter. Nur einige können sich auf Deutsch oder Englisch verständigen. Oft müssen wir einen Dolmetscher erst finden. Mit der Nachbarschaft haben wir bis jetzt keine Probleme, wir sprechen regelmässig zusammen und verhindern so mögliche Konflikte. Vor kurzem, bei der Geldausgabe an die Bewohner, war ich durch die Hektik vor dem Schalter abgelenkt. Eine Frau hat ihre Tagesration bekommen und ich hatte weitere Menschen bedient. Sie hat ihr Geld gezählt und eine Weile abseits gewartet. Als ich frei war, kam die Eritreerin zu mir  und sagte: „Chef, Sie haben mir zu viel gegeben, da haben Sie ihr Geld zurück!“ Das hat mich fast umgeworfen und enorm beeindruckt.“
Die Frauen mit Kindern haben es im Alltag einfacher, immer haben sie eine Aufgabe. Die alleinstehenden Männer langweilen sich oft. Es ist im „N“ – Status extrem schwierig, vom Migrationsamt eine Arbeitserlaubnis zu erhalten und somit einer Arbeit nachzugehen. Deshalb wissen sie mit sich nicht viel anzufangen.
Für Deutschkurse hat es eine Warteliste von vier Monaten. Die Leute kaufen selber ein und kochen ihr Essen in einer der zwei Küchen, die es auf jedem Stock gibt.
Die Glücklichen, die nach ein paar Monaten Asyl erhalten, können beginnen, ihre Zukunft zu planen: Arbeit, Wohnen und die Integration in eine für sie ganz fremde und anfänglich oft unverständliche Kultur.
Laden Sie mal einen Asylsuchenden von der Strasse spontan zum Kaffee ein – und Sie verlieren die Angst von dem fremden Menschen und tragen bei zu seiner  Integration.
Wie wäre es mit einer 1.August – Feier oder einem Neujahrsempfang gemeinsam mit den Bewohnern aus dem Hochhaus an der Südallee?

Auch ich habe kein Rezept für das wohl unlösbare Problem mit der neuen Völkerwanderung und auch die klügeren Köpfe in unserer Gesellschaft bis jetzt noch nicht…Die einen brauchen wir, die anderen brauchen uns…
Jiří Vurma, Juli 2015, Suhr in Aargau

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