Vom Malen mit Licht

 Das Festhalten des Augenblicks, das Malen mit Licht, das Erschaffen von Erinnerungen, der Ausdruck der Seele. Das alles ist Fotografie. Dennoch hat jeder Einzelne, der sich die Fotografie zur Leidenschaft gemacht hat, ein anderes Verständnis dieser komplexen Wissenschaft. Einer von ihnen ist Florian Stauber – ein Foto-Philosoph.

Leuchtende Sonnenstrahlen, ein leichter Luftzug. Ich sitze auf einer Schaukel und fühle mich wie früher, als ich noch in den Kindergarten ging. Natürlich, ich bin älter geworden – wie mein Gegenüber. Auch Florian Stauber ist nicht mehr mein Kindergarten-Gspäänli, das sich nur für Lego und Playmobil interessiert. Heute ist er in der 4. Klasse der Bezirksschule, und bereits nächsten Sommer beginnt er seine Lehre zum Lichtmaler oder, in Fachsprache: Fotofachmann. Man könnte ihn durchaus als «Fotocrack» bezeichnen, denn einen Grossteil seiner Freizeit verwendet er für die Fotografie, die er mittlerweile auf einem durchaus professionellen Niveau betreibt.
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Gleich zu Anfang unseres Gesprächs erzählt er mir schmunzelnd eine kleine Anekdote rund um die Anfänge seiner Fotografie-Leidenschaft: «Es hat angefangen in der vierten Klasse. Wir hatten in jenem Sommer Jugendfest und für den Umzug tolle Hühner gebastelt. Dann mussten wir diese fotografieren, um später zusammen mit den Eltern zu entscheiden, ob wir so ein Huhn mit nach Hause nehmen wollten. Damals hat eine Mitschülerin ihren Fotoapparat mitgenommen, und von dem war ich so begeistert, dass ich gleich darauf anfing zu sparen. Für eine eigene Kamera!» Kurze Zeit später war der Schatz dann errungen: eine kleine, kompakte, stoss- und wasserfeste Digitalkamera. Die Begeisterung wuchs, und schon bald genügte die Anfängerkamera Florians Ansprüchen nicht mehr. Er sparte für eine Spiegelreflexkamera, ein richtiges Profigerät.

Früher betrieb Florian sein Hobby wie ein Tourist. Er begnügte sich damit, den Moment festzuhalten – nach dem Motto: Hauptsache, es ist drauf und scharf. Schnell aber begann er sich für Perspektiven und für unterschiedliche Bildkompositionen zu interessieren. Und jetzt kommt er nicht mehr davon los.
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Fast alles, was Florian über das Fotografieren weiss, fast alles, was er kann – und das ist eine ganze Menge! -, hat er sich selbst beigebracht. Anfangs schlichtweg über learning by doing, dann mit Hilfe von Google und, wie es sich für unsere Generation gehört, natürlich auch mit Youtube. «Ich bin mal in ein Forum gegangen», sagt Florian, «versuchte mich auch auf Wikipedia schlauzumachen – und hatte nachher mehr Fragen als vorher. Doch im Endeffekt hat es mich weitergebracht. Übers Internet habe ich viel gelernt.» – Forum? Ich erblicke meine Chance, denn zum Thema Austausch unter Gleichgesinnten im Netz will ich mehr wissen. Wie funktioniert das? Florian erklärt: «Im Internet gibt es einige Austauschplattformen, wo man sich Tipps holen, Fragen stellen, sich Bilder von anderen Fotobegeisterten ansehen und Anregungen sammeln kann. Es findet ein enormer Austausch statt, der mich schon oft zu Neuem inspiriert hat. – Einen Grossteil von meinem Basiswissen habe ich aber von einem Fotografen gelernt, der viel an Sportanlässen fotografiert hat; er konnte mir viel Theoretisches weitergeben.
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Ausserdem war mein Namensvetter Florian Schmidt-Jansen eine sehr wichtige Wissensquelle.» Schmidt-Jansen, erfahre ich weiter, war früher Werbefotograf, unter anderem für BMW, und so hatte Florian früh die Möglichkeit, jemandem mit viel Erfahrung in einem doch sehr schwierigen Business über die Schulter zu schauen. Als Vorbild würde er den Werbefotografen aber nicht bezeichnen, denn Florian ist von der Idee eines Idols wenig begeistert. Er sammelt lieber Ideen oder Anregungen von vielen verschiedenen Fotografen und kreiert sich so eine ganz eigene, collageartige Form von Vorbild, jenseits der ursprünglichen Bezeichnung. «Ich schaue mir oft Bilder von anderen Fotografen an, vergleiche, frage mich, wie und warum er ausgerechnet diese oder jene Perspektive gewählt hat, und so versuche ich festzustellen, weshalb mein Bild nicht genauso gut ist. Auf diese Weise kann ich mich laufend verbessern.»
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Neben der Fotografie an sich interessiert sich Florian sehr für Grafik. Deshalb möchte er später ein Studium in Richtung Fotodesign absolvieren und dabei sein Interesse an der Art und Weise, wie man mit der Fotografie visuell gestalten kann, vertiefen.

Ich will wissen, was da genau dahintersteckt, denn aufs «Knöpfli» beziehungsweise den Auslöser drücken kann jeder. Ich bohre also nach. Und jetzt ist Florian nicht mehr zu bremsen. «Meine grösste Faszination zurzeit ist die Tatsache, dass man im Prinzip aus wenig ganz viel machen kann. Ich fotografiere ein kleines Objekt, das ich mit etwas Geschick riesig wirken lassen kann. Nehmen wir eine kleine, bescheidene Blume. Durch das Makroobjektiv betrachtet, also ein Objektiv, welches das Sujet extrem vergrössert, wirkt das Blümchen gigantisch. Überhaupt: jeder noch so kleine Moment der Freude wird durch die Linse der Kamera plötzlich zu etwas ganz Besonderem und Einmaligem. Für mich steckt in der Fotografie unheimlich viel Kreativität, und man kann einfach wahnsinnig viel machen.»

Nicht nur in Sachen Fotografie ist Florian begabt. Er hat das Talent, grosse und lange Reden zu schwingen, ohne dass einem beim Zuhören langweilig wird. Viele Informationen verpackt in kompakte Sätze, mit Humor garniert, einer Prise Intelligenz gewürzt und einem Hauch (Selbst-)Ironie abgeschmeckt. – Er weiss viel über die Fotografie, das ist offensichtlich. Und doch fühle ich mich im Gespräch mit ihm nicht wie ein kompletter Ignorant.

Es wird langsam kühl, die Sonne ist bereits untergegangen, und mein Blick fällt auf eine kleine Blume, die gerade noch von einem einzelnen Sonnenstrahl beschienen wird. Richtig kitschig. Ich würde sofort abdrücken. Doch genau das wäre Florian viel zu einfach und zu gewöhnlich. Er will etwas wagen, individuell sein und mit Kreativität beeindrucken. Seine Bilder müssen aussagekräftig sein, etwas «überebringe», wie er sagt, und nicht einfach nur schön anzusehen sein. «Ich will nicht nur so das 0815-Wart-schnäll-i-mach-es-Föteli-und-chume-denn-grad-wider-Ding durchziehen. Man kann sich ruhig hinlegen, so, wie ich mich in Paris unter den Eiffelturm gelegt habe. Zugegeben, die Reaktionen der Leute waren fast toller als das Foto selbst. Oder du schnappst dir einen Stuhl und stellst dich drauf. Einfach spannende Perspektiven wählen, Mut haben, das richtige Objektiv wählen – das machts aus», sagt Florian. «Ein Bild soll eine Aussage haben, man kann nicht einfach fad drauflosknipsen. Wenn du zum Beispiel Hunger hast und ein Poulet fotografierst, soll sich jeder denken: Wow, mhh, das Poulet! und nicht: Cooles Poulet, aber was soll dieser Abfalleimer da im Hintergrund!? In der Einfachheit die Zufriedenheit finden, so wenig wie möglich, aber so viel wie nötig auf ein Bild packen. Das ist die wahre Kunst. Lasst euch nicht mitreissen im Strom der Gleichgültigkeit.»
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Manchmal jedoch muss selbst Florian Opfer bringen. Denn von Kunstfotos allein kann man nicht leben, das ist ihm durchaus bewusst. Mit Optimismus, Motivation und der richtigen Einstellung könne man aber viele Erfahrungen sammeln, selbst bei gewöhnlichen Auftragsarbeiten, bei denen der Freiraum ungefähr so gross sei wie «es Schachteli Zündhölzli». Was Florian fotografiert, hängt also auch davon ab, für wen oder was er es tut. «Es kommt ganz drauf an», sagt er. «Wenn ich einen Auftrag habe, ist es klar, was ich fotografiere, aber sonst entscheide ich spontan und lasse mich inspirieren von allem um mich herum.»
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Aufträge hat er mittlerweile viele. Von Bewerbungsfotos als Freundschaftsdienst über Jugendfestdokumentationen bis hin zu Fotos an offiziellen Sportanlässen. Langeweile kommt da nicht auf. Darüber hinaus holt Florian sich Anregungen im Fotoclub Gränichen, wo er seit kurzer Zeit mit viel Engagement dabei ist. Einer der vielen Orte, wo man Florian regelmässig antrifft. Zurzeit ist sein Leben in etwa so wie ein voll mit Früchten behangener Apfelbaum: Ob Leichtathletik, Tambourenverein, Cevi oder Fotoclub, es findet sich immer ein neuer Ort der Inspiration und so mancher glänzender, roter Apfel des Erfolgs. Und sollte es ausnahmsweise mal ein angefaulter sein – der nächste Herbst kommt bestimmt.

Ursina Mühlethaler

 

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