Archiv des Autors: eli wilhelm

Fortsetzungswettbewerb

Jetzt, liebe Leserinnen und Leser, sind Sie an der Reihe – und
natürlich auch ihr, liebe Schülerinnen und Schüler!
Schreiben Sie die nächste Folge unseres Fortsetzungsromans.
Der Autor János Moser wird die eingesendeten Texte lesen, und
der Siegertext wird in der August-Ausgabe veröffentlicht.

Folgende Fragen sollten beantwortet werden :
• Was erzählt die Wetterhexe dem Oberstufenschüler Tim
und der Journalistin Frau Schneider?
• Aus welchem Grund herrscht in Suhr ein Wetterchaos?
• Was muss getan werden, damit sich das Wetter wieder
beruhigt?

Der Text muss offen enden, denn die letzte Folge der Geschich-
te wird anschliessend wieder vom Dorfschreiber geschrieben.
Der Text sollte die Länge von 3000 Zeichen (mit Leerzeichen)
nicht überschreiten.

Einsendungen gehen an : wetterhexe.suhr@gmail.com
Einsendeschluss ist der 1. Juli 2022

Die Wetterhexe von Suhr, Teil 3

Ein Zwerg hat Tim einen Tipp gegeben: Die Hexe, die für das Wetterchaos in Suhr verantwortlich sein soll, fände er nicht in der Bibliothek, sondern draussen in der Welt. Dort trifft er aber vorerst nur die Journalistin Frau Schneider, die nach einem Busunfall im Dorf gestrandet ist. Gemeinsam beschliessen sie, nach der Hexe zu suchen …

«Bist du sicher, dass wir hier nicht unsere Zeit verschwenden?», fragte Frau Schneider.

Tim war sich nicht sicher. Aber nachdem er nochmals über die rätselhaften Antworten des Zwergs nachgedacht hatte, erinnerte er sich an die Fragen, und eine davon war gewesen, wo er nach einer Hexe suchen würde. Tims erstbester Gedanke war: im Wald. Und so hatten sie sich auf den Weg gemacht, waren unterwegs von einem heftigen Regenschauer überrascht worden, der aber zum Glück, als sie den Waldrand erreichten, bereits nachgelassen hatte. Frau Schneider zog ihren durchnässten Pullover aus und hängte ihn über den Arm, um die wieder steigenden Temperaturen auszugleichen.

«Wenn hier ein Sturm losgeht, sitzen wir ganz schön in der Klemme», sagte sie, in die Baumkronen blickend. Offensichtlich bereute sie, in der Hoffnung auf eine skurrile Lokalgeschichte mit Tim mitgegangen zu sein.

«Ich weiss», erwiderte er. Der Ausflug ins Grüne war wohl doch keine so gute Idee gewesen, doch blieb ihm nun mal kein anderer Anhaltspunkt.

«Du gehst in die Oberstufe, ja?», fragte Frau Schneider weiter. «Und dieser Zwerg, der von der Hexe gesprochen hat, wie sah er aus?»

«Wie ein kleiner Mann», erwiderte Tim ungeduldig. Der Zwerg interessierte ihn nicht im Geringsten. «Wir sollten lieber herausfinden, was die Wetterhexe will.»

«Wenn es sie überhaupt gibt», warf Frau Schneider ein. Aber dass es die Hexe gab, schien sie zu hoffen – sonst wäre sie bestimmt nicht mitgekommen.

Sie gingen einen leicht steigenden Waldweg entlang. Zu beiden Seiten des Weges standen die Tannen dicht an dicht. Tim fragte sich, ob es am Wetter lag, dass die Umgebung so düster wirkte. Doch über ihren Köpfen schien sogar die Sonne. Frau Schneider war allmählich stiller geworden, spähte zwischen die Bäume, als erwartete sie einen hervorspringenden Wolf. Immer mal wieder kamen sie an Vitaparcours-Posten vorbei. Bei einem Posten mit Turnringen verlor sie die Geduld. Sie blieb stehen, warf den Pullover hin und versetzte einem der Ringe einen Stoss.

«Das macht keinen Sinn», sagte sie. «Kehren wir um.»

«Nein», gab Tim zurück. Er war selbst erstaunt, wie er mit einer erwachsenen Frau redete, die seine Lehrerin hätte sein können.

«Was schlägst du vor?», fragte sie eingeschnappt.

«Nur noch ein kleines Stück», erwiderte er.

Er stoppte den Ring, der in seine Richtung schwang. Als ein krächzendes Geräusch ertönte, liess er ihn vor Schreck los. Kurz darauf flog ein Eichelhäher über ihre Köpfe hinweg. Frau Schneider lachte angespannt.

«Wenn wir diese Hexe nicht finden, dann muss ich wohl über Vögel schreiben», sagte sie.

Tim schüttelte seufzend den Kopf.

Langsam gingen sie weiter. Der Weg stieg an, bis sie am höchsten Punkt des Waldes angelangt waren. Gleich hier gab es einen Platz mit ein paar Bänken und einer Feuerstelle, den man «Suhrerchopf» nannte. In Ermangelung einer sinnvollen Idee steuerte Tim darauf zu. Der Grillplatz war leer und verlassen – was Tim den Suhrerinnen und Suhrern nicht verübeln konnte, denn der sonst so entspannende Blick über Suhr war besorgniserregend. Die eisigen Stürme hatten dem Dorf stark zugesetzt. Fast alle Dächer waren durchlöchert oder eingerissen, der Verkehr war zum kompletten Stillstand gekommen. Der nahe Kirchturm sah aus, als würde er im nächsten Moment einstürzen. Während Tim besorgt auf das Katastrophenszenario unter ihm blickte, stupste Frau Schneider ihn an und wies in den Himmel: Dort hatte sich wieder eine gigantische, schwarze Sturmwolke aufgetürmt. Würde sie sich entladen, so fürchtete Tim, hätte für die Suhrerinnen und Suhrer das letzte Stündlein geschlagen.

Plötzlich erklang ein hämisches Kichern, das ganz und gar nicht zu dieser düsteren Zukunftsvision passte. Tim drehte den Kopf und zuckte überrascht zusammen. Auf einer Bank in der Nähe sass der Zwerg. Wie in aller Welt war er ihnen unbemerkt gefolgt?

«Ist das der Zwerg von der Bibliothek?», fragte Frau Schneider. Sie war sichtlich aus der Fassung gebracht.

«Ist deine Tante nicht etwas unhöflich?», fragte der Zwerg in Tims Richtung zurück. «So klein bin ich auch wieder nicht.»

«Sie ist nicht meine Tante», wehrte Tim ab.

Ohne darauf einzugehen, ergänzte der Zwerg: «Und übrigens habe ich einen Namen. Und zwar heisse ich …»

Es folgte eine seltsame Pause. Noch während sich Tim fragte, ob der Zwerg seinen eigenen Namen vergessen hatte, begann dieser seine Gestalt zu verändern. Die Luft flimmerte seltsam, ein flüchtiger Schatten huschte vorüber, und wo Augenblicke zuvor noch ein kleinwüchsiges Männlein gesessen war, sass nun ein gewöhnliches Mädchen, etwa im selben Alter wie Tim.

Frau Schneider, die die ganze Szene ungläubig beobachtet hatte, stellte mit schwankender Stimme die Frage, die auch ihm sofort durch den Kopf schoss: «Bist du die Wetterhexe?»

Das Mädchen lächelte. «Ihr mögt mich wohl so nennen. Aber als ich noch zur Schule ging, hatte ich einen Namen, und zwar …»

Fortsetzung folgt …

Die Wetterhexe von Suhr – Teil 2

Mitten im Juli wird Suhr von seltsamen Wetterwechseln heimgesucht. In einer Minute hagelt es, in der nächsten herrscht brütende Hitze. Tim, ein Suhrer Oberstufenschüler, will der Sache auf den Grund gehen. Auf der Suche nach Antworten trifft er in der Gemeindebibliothek auf eine seltsame Gestalt …

«Ich weiss, wen du suchst»

Noch ehe sich Tim darüber klar werden konnte, wer da vor ihm stand, verschwand die Gestalt zwischen den Regalen im hinteren Teil der Bibliothek. Wenn er sich nicht täuschte, hatte soeben ein alter, kleiner Mann mit ihm gesprochen, ein Männlein, geradezu ein Zwerg. Verwirrt spähte er umher, konnte ihn aber nicht mehr entdecken.

«Hallo?», fragte er.

Keine Antwort.

Tim wurde die einsetzende Stille unheimlich. Ausserdem erregte er schon ungewollt die Aufmerksamkeit der Dame an der Rezeption, die ihn beobachtete. Zuerst wollte er in Richtung Ausgang an ihr vorbeischlüpfen, doch dann fasste er sich ein Herz und trat an die Theke.

«Ich suche jemanden.» Er räusperte sich.

«Ja?», fragte die Dame. «Wen suchst du denn?»

«Einen älteren Herrn. Er hat einen Buckel und ist so gross.» Tim schüttelte nervös die Hand in der Luft, über der Höhe seines Knies. War der Mann tatsächlich so klein gewesen? «Er hat gesagt, er wisse, wenn ich suche.»

Beim letzten Satz warf die Dame Tim einen irritierten Blick zu. Trotzdem blieb sie höflich.

«So einen Herrn habe ich hier nicht gesehen, tut mir leid.»

«Sind Sie sicher?», hakte er nach.

«Hierher kommen keine alten kleinen Herren», erwiderte sie überzeugt.

«Auch nicht um diese Tageszeit?»

«Um diese Tageszeit schon gar nicht.»

«Ja gut», meinte Tim enttäuscht und wandte sich ab. Er schlenderte zum Ausgang, nicht ohne noch einen letzten Blick über die Schulter zu werfen. Da sah er den kleinen Mann wieder. Er war gerade dabei, auf ein Regal zu klettern. Obwohl das einen furchtbaren Lärm verursachte, da er mit den Füssen die Bücher zu Boden schleuderte, tat die Dame so, als hörte sie nichts, und nahm stattdessen eine Zeitschrift zur Hand. Je höher der Zwerg kletterte, desto lauter schnaufte er, und als er sich, nachdem er beinahe den Halt verloren hatte, auf das oberste Regal plumpsen liess, gab er ein zufriedenes Grunzen von sich. Tim ging zur Stelle, wo der Zwerg auf seinem Regal thronte. Flüchtig sah er auf die Bücher, die am Boden lagen: Pferderomane.

«Und wen suche ich?», frage Tim.

Der Zwerg liess sich Zeit mit der Antwort. Er nahm ein Taschentuch hervor und schnäuzte ausgiebig hinein, bevor er es wieder einsteckte.

«Das weiss ich genau», erwiderte er endlich.

«Dann sag es mir», bat Tim.

«Kommt ganz darauf an, warum du diese Person suchst. Ist es wegen des Wetters?»

«Ja», sagte Tim, froh, auf der richtigen Spur zu sein. «Deswegen bin ich in die Bibliothek gekommen. Ich will wissen, was mit unserem Wetter los ist. Kannst du mir weiterhelfen?»

«Ich nicht, aber die Person, die du suchst», meinte der Zwerg. «Die Wetterhexe. Sie kann dir alles erklären.»

«Und wo finde ich diese Wetterhexe?», fragte Tim hoffnungsvoll.

«Wo würdest du nach einer Hexe suchen?»

«Ich weiss es nicht.»

«Doch nicht in einer Bibliothek, oder?»

Tim zuckte mit den Achseln.

Der Zwerg wurde ungeduldig. «Du hast wohl nicht viel Köpfchen, wie? Was ich damit sagen will: Du musst nach draussen in die Welt. Vor der Tür, nicht zwischen zwei Buchdeckeln wirst du sie finden.»

Mit diesen Worten nahm der Zwerg ein Buch und schlug es auf. Tim sah ihm eine Weile beim Lesen zu. Immer mehr versank der Zwerg in seinem Buch, bis es schien, als sei er eingenickt. Da keine Antwort mehr von ihm zu erwarten war, machte sich Tim auf den Weg; als er an der Rezeption vorbeiging, löste die Dame ein Kreuzworträtsel.

Währenddessen scheiterte eine junge Frau an den Widrigkeiten des Suhrer Wetters. Sie arbeitete als Journalistin für eine Regionalzeitung. Die Zeitung hatte anfänglich alle Meldungen von Polizei und Feuerwehr gesammelt und weiterverbreitet. Allmählich waren die geschilderten Katastrophenszenarien aber so widersprüchlich erschienen, dass Frau Schneider sich die Sache vor Ort ansehen wollte. Aber kurz vor der Station Waldhofweg war ihr Bus auf einem vereisten Strassenabschnitt ins Schleudern geraten und am Strassenrand stehengeblieben. Als sie mit den anderen Passagieren ausstieg, erschauderte sie: nicht nur war es bitterkalt, sogar Schneeflocken fielen vom Himmel – und das im Juli. War an den Berichten also doch etwas dran gewesen? Und warum hatte in Aarau noch alles so sommerlich-ruhig gewirkt? Während sie noch darüber rätselte, klingelte ihr Handy. Der Feuerwehrkommandant, den sie vor der Zentrale treffen sollte, kam nicht mehr aus der Wohnung, weil angeblich eine Strassenlaterne vor seine Haustür gefallen war. Besorgt war sie deswegen schon, trotzdem musste sie lachen, weil es wie die Ausrede eines faulen Schülers klang. Der Kommandant legte mit einem wütenden Brummen auf.

Nun musste sie indes feststellen, dass sie sich in der Zwickmühle befand. Ohne Kommandant kein Artikel, und was tat sie in Suhr, wenn sie keinen Artikel darüber schreiben konnte? Aber vielleicht war ja noch nicht alles verloren. Sie beschloss, beim Gemeindehaus anzuklopfen, vielleicht konnte man ihr dort weiterhelfen. Der Weg dorthin stellte sich allerdings als Tortur heraus, denn die Strassen waren komplett vereist. Auf der Höhe der Bibliothek staunte sie nicht schlecht: Da hockte ein Schüler vor etwas, das wie ein Kanu aussah, und schien nicht recht zu wissen, was er mit sich anfangen sollte.

«Alles in Ordnung?», fragte sie ihn.

«Wer sind Sie? Sind Sie die Wetterhexe?», fragte er zurück.

«Die was?»

«Ich suche die Wetterhexe», erklärte er. «Der Zwerg in der Bibliothek sagte mir, ich würde ihr draussen vor der Tür über den Weg laufen.»

«Ich bin keine Hexe», sagte Frau Schneider. Da erfasste sie ein unbestimmtes Gefühl. Sie wusste zwar nicht warum, aber irgendwie hatte sie die Ahnung, unverhofft einer guten Geschichte auf der Spur zu sein. «Aber wenn du willst, helfe ich dir bei der Suche.»

Fortsetzung folgt …       

Die Wetterhexe von Suhr

An einem frühen Julimorgen fiel eine Schneeflocke in die Suhre.

Sie erregte kein Aufsehen und verschwand ebenso schnell, wie sie aufgetaucht war. Auch die Wolke, aus der sie fiel, schien den Suhrerinnen und Suhrern nicht weiter ungewöhnlich: Sie sah völlig harmlos aus und wirkte wie der Vorbote eines sonnigen Tages. Selbstredend gab es nur wenige, die die Flocke in der Morgenstunde überhaupt bemerkten, und die Menschen, die es taten, hielten sie für ein Stäubchen, oder einen Überrest Blütenstaub, den der Wind aus der Krone eines nahen Baumes geweht hatte. Einzig ein Hundespaziergänger, unterwegs Richtung Bärenmatte, sagte später, er habe die Katastrophe erwartet – sein Hund habe beim Überqueren der Brücke den Fluss angebellt.

Der Tag, an dem die Flocke fiel, war ein Mittwoch. Die Schülerinnen und Schüler der Oberstufe freuten sich auf ihren freien Nachmittag. Ihre Freude wurde gedämpft, als sie nach draussen stürmten und feststellen mussten, dass die Temperatur inzwischen um mindestens zwanzig Grad gesunken war. Der Platz vor dem Bezirksschulhaus war stellenweise mit Eis bedeckt. Tim, einer der Schüler, die als Erstes auf den Platz rannten, rutschte auf dem Eis aus und schlug sich den Kopf am Boden an. Seine Klassenkameraden sagten später, er habe sich in jenem Moment nicht nur eine Beule zugezogen, sondern auch seine wirre Idee von der Wetterhexe.

Als Tim mit Kopfschmerzen zuhause ankam, hatte ein Schneeregen eingesetzt, der die Bachstrasse in kürzester Zeit in einen schlammigen Pfuhl verwandelte. Vom Fenster seines Zimmers aus beobachtete er, wie ein starker Wind die Äste von den Bäumen riss und über die Strasse schleuderte. Eine Radfahrerin hatte Pech, als ihr ein Ast zwischen die Speichen geriet. Sie stürzte und humpelte, das Rad neben sich herschiebend, zu einem Unterstand.

Um zehn Uhr wurde es dunkel und die Suhrer Strassen leerten sich, doch es kehrte längst keine Ruhe ein, im Gegenteil: im Bett liegend, hörte Tim, wie Hagel gegen das Fenster trommelte. Er hoffte, dass die Scheiben der prasselnden Wucht standhielten. Die Eltern sassen in der Stube und sahen fern; gedämpft drang die Stimme des Nachrichtensprechers zu ihm herauf: «Schlimmstes Unwetter in Suhr seit Jahren … ein Dorf im Ausnahmezustand …» Die Worte wurden von einem Donnergrollen verschluckt. Kurz darauf folgten ein helles Licht und ein ohrenbetäubender Knall. Ganz in der Nähe war der Blitz in einen Baum eingeschlagen.

Die Lage beruhigte sich erst gegen fünf Uhr morgens. Als Tim nach der schlaflosen Nacht frühstückte, schien sogar wieder die Sonne. Sein Kopf tat nicht mehr weh und das Unwetter von gestern wirkte nunmehr wie ein schlechter Traum. Froh um den blauen Himmel, aber zugleich etwas enttäuscht darüber, dass die Schule wegen des «Ausnahmezustands» nicht geschlossen hatte, radelte er zum Unterricht. Er dachte an die Worte des Nachrichtensprechers zurück. Was war mit den anderen Orten? Hatte es die nicht getroffen? Warum Suhr? Warum nicht Aarau, Buchs, Gränichen? Er versuchte sich einen Reim darauf zu machen, aber der Deutschtest, den er vormittags schreiben musste, liess es nicht zu. Darüber hinaus stellte sich bald ein neues, seltsames Problem: Am Nachmittag kletterten die Temperaturen so stark in die Höhe, dass sich die Schulzimmer in regelrechte Öfen verwandelten. An Konzentration war bei dieser unwirklichen Hitze nicht mehr zu denken – der Mathematiklehrer liess die Stunde vorzeitig ausfallen.

Zuerst Schnee und Sturm, und jetzt das. Einigermassen ratlos standen Tim und seine Kameraden auf dem Pausenplatz und wussten nicht, was sie mit sich anfangen sollten. Der lästige Unterricht fiel zwar aus, andererseits war das Wetter viel zu heiss, um vernünftig Fussball zu spielen. Tim schleppte sich nach Hause. Die Mutter hatte im Wohnzimmer das Radio angeschaltet. Er lauschte der Stimme, die verkündete: «Rekordhitze in Suhr … Brunnen ausgetrocknet …»

«Mama?», fragte er laut.

«Ja?» Seine Mutter stellte schwitzend einen Sonnenschirm auf der Terrasse auf.

«Passiert das nur in Suhr?»

«Ja, nur in Suhr», erwiderte sie und fächerte sich Luft zu. Dabei machte sie eine überraschte Miene, als sei sie sich erst in diesem Moment dieser merkwürdigen Tatsache bewusst geworden.

«Ist das nicht seltsam?», hakte Tim nach. «Da stimmt doch etwas nicht.»

«Das Wetter tut, was es will», meinte die Mutter zögerlich.

«Ja», sagte er. «Irgendjemand muss es auf uns abgesehen haben.»

«Und wer?»

«Das weiss ich nicht. Aber ich werde es herausfinden.»

Tim beschloss, ins Gemeindehaus zu gehen. Vielleicht wussten die Behörden mehr darüber, wer dafür verantwortlich war und etwas gegen Suhr haben könnte. Als er sein Fahrrad aus dem Keller schob, waren die Quartiersstrassen jedoch vollständig von Wasser überflutet. Tim musste sein Transportmittel wechseln. Er verstaute das Fahrrad wieder im Keller und holte stattdessen das Kanu seines Vaters hervor. Damit paddelte er der Bachstrasse entlang, durchquerte das Dorfzentrum und kam schliesslich vor der Treppe des Gemeindehauses an. Mit trockenen Füssen ging er hinein und suchte den Einwohner- und Kundendienst auf. Der Mann am Schalter meinte mürrisch, man wisse nichts über das Wetter, er könne sich ja in der Bibliothek darüber schlau machen.

Tim hielt nicht viel von dieser Idee und bezweifelte, dass er die Antwort auf seine Frage in einem Buch finden würde. Da er indes nichts Besseres zu tun wusste, befolgte er den Rat, stieg wieder ins Kanu und stand kurze Zeit später mit durchnässten Kleidern (während der Fahrt war er umgekippt) zwischen den Bücherregalen. Es war unheimlich still; vor den Fenstern tanzten wieder die Schneeflocken.

Als er zur Abteilung mit den Sachbüchern gehen wollte, hörte er ein seltsames Kichern. Eine Stimme flüsterte: «Ich weiss, wen du suchst, mein Lieber.»

Tim sah sich um und erblickte eine gebückte Gestalt.

Fortsetzung folgt…

Gärten diesseits von Eden

Zum Abschied vom Gartenjahr

Die Dorfschreiberin fragte einen der Dorfpfarrer an, ob er aus seiner Perspektive etwas zum Thema «Gärten» beitragen möchte. Ganz abwegig ist dies nicht, spielt sich doch bereits die erste (und vielleicht bekannteste) Geschichte der Bibel in einem Garten ab. Es fragt sich sogar, ob die Utopie dieses Ur-Gartens nicht als Sehnsuchtsort den Hintergrund aller biblischen Erzählungen bildet.

     In einem Garten soll mit den Menschen alles begonnen haben. Nicht nur sei die ganze Schöpfung «gut» gewesen. Besonders angenehm hätten es Adam und Eva im paradiesischen Eden gehabt. Schön warm war es, Kleider brauchten sie keine. Und auch gutes und frisches Essen boten die Bäume, die der Schöpfer für seine beiden vegetarischen Gäste aus dem Erdboden wachsen liess, mehr als genug. Wäre in Adam und Eva nicht die sehr menschliche Frage erwacht, ob ihnen mit diesem «Grundeinkommen» nicht doch etwas fehlen würde, unser aller Ur-Eltern würden noch heute glücklich, nackig und ein wenig naiv in ihrem Gärtchen leben.

     Allerdings will diese alte Erzählung weder ein Märchen sein noch die wissenschaftlich genaue Darstellung des Beginns der Menschheitsgeschichte. Mythisch berichtet sie von dem, «was niemals war und immer ist» (Sallust) und stellt dabei die grosse Frage nach den «grundlegenden Lebensordnungen der Welt» (Zürcher Bibel): Was bedeutet es, in einer Welt zu leben, die zwar auf das «Gute» hin geschaffen, zugleich aber auch von erschreckend viel Ungutem durchzogen ist?

     Als Menschen leben wir immer schon diesseits von Eden. Wir freuen uns an den Gärten des Lebens, an ihrem Wachsen und Blühen, wissen aber auch, dass es unser Brot «im Schweisse unseres Angesichts» immer wieder neu zu verdienen gilt (und dass dies vielen Menschen bei aller Anstrengung kaum gelingt). Unsere Gärtnereien diesseits von Eden zu verrichten, bedeutet aber nicht, die Sehnsucht nach jenem «paradiesischeren» Garten aufzugeben. Könnte Gartenpflege nicht auch Sehnsuchtspflege sein? Es gesellen sich dann zu unseren privaten Gärten (an denen sich diejenigen, die sie haben, durchaus freuen sollen!) weitere Gärten: HEKS-Gärten zum Beispiel, in denen auch Flüchtlinge und Migranten/innen ihren Gartenanteil pflegen. Gemeinsame Gärten, in denen sich Menschen treffen können zum Spielen, Essen, Weinen und Lachen (beim Länzihuus planen wir einen solchen). Oder auch, wenn wir es in den Suhrer Gärten und auf den Suhrer Grünflächen vermehrt in aller Vielfalt einfach wachsen lassen. Etwa so wie es Franz von Assisi für die Klostergärten seines Ordens vorsah: Auch wenn diese Gärten der Klostergemeinschaft zur Ernährung dienten, sollte immer ein Teil des Gartens frei bleiben für wild wachsende Pflanzen. Sie erinnern an die in der Schöpfung liegende Kreativität und ihre überraschende Diversität. Möchten wir wirklich in einer Welt leben, in der alles von uns Menschen geplant oder sogar fabriziert ist?

     Meinen Text widme ich zwei Suhrerinnen, deren liebevoll-umsichtiges Verhältnis zu ihrem Garten mir als Dorfpfarrer besonders aufgefallen ist. Brigitte Wilhelm: Ich sehe sie am Zaun ihres Gartens an der Bachstrasse stehend mit jemandem plaudern. Und Ursula Wyss: Ich erinnere mich, wie wir beim Besuch zu ihrem 75. Geburtstag in ihrem vielfältig-wild wachsenden Gärtchen sitzen.

Andreas Hunziker

Vorschau: Frühlingsfest – Setzlingsmarkt, Basteln, Konzert

Samstag, 8. Mai, ab 14 Uhr an der Bachstrasse 64 (Wilhelm Geigenbau)

Dieses Frühlingsfest vereint einige Anlässe in sich:

Es ist der Abschied für die Dorfschreiberin und des Amtes des Suhrer Dorfschreibers überhaupt: seit 10 Jahren begleiten DorfschreiberInnen das Suhrer Leben aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Dieses Jubiläum ist gleichzeitig der Abschluss des Projektes. Das sollte gefeiert werden!

Die noch amtierende Dorfschreiberin Eli Wilhelm hat im letzten Jahr die Suhrer Gärten angeschaut und einige porträtiert. Am Schluss muss sie gestehen, dass es die naturnahen (Gemüse-)gärten waren, die sie am meisten anzogen. Es gibt davon bereits viele, aber all die Wildbienen und Hummeln und Schmetterlinge könnten durchaus mehr Wohnraum vertragen. Dem kann abgeholfen werden! Mit einem speziell insektenfreundlichen Setzlingsmarkt, organisiert vom Natur- und Vogelschutzverein Suhr. Er erklärt:

«Es ist kein Zufall, dass der Natur- und Vogelschutz mit einheimischen Wildstauden auftritt. Diese sind nicht nur wichtige Nektar- und Pollenlieferanten unserer Wild- und Honigbienen, sondern auch Futterpflanzen von Raupen unserer Schmetterlinge. Eingeführte Zierpflanzen werden dagegen kaum von Raupen genutzt.
Die Insekten wiederum dienen Vögeln und Kleintieren als Futter. Sie stehen also oft am Anfang der Nahrungskette. Am Beispiel des Natterkopfs, einer Pflanze, die Sie am Wildstaudenstand des NVV Suhr erwerben können, hier einige Zahlen.


Er dient:

10 Schmetterlingsarten als Futterpflanze
44 Schmetterlingsarten als Nektarpflanze
6 Hummelarten als Nektar- und Pollen-Pflanze
1 Wildbienenart ist hochspezialisiert auf den Natterkopf

Aber nicht nur den Insekten wird Futter angeboten – Gemüse- und Kräutersetzlinge finden sich beim menschenfreundlichen Setzlingsmarkt. Die Pflänzchen bleiben noch eine Woche stehen zur Selbstbedienung.
Futter für Augen und Seele bieten die Blumensetzlinge, die die Frauen vom «FRAGILE»-Garten an der Mühlematte anbieten. Auch im Tausch – und das ist ein weiterer Teil des Frühlingsfestes:

Tauschmarkt für Setzlinge! Wer war nicht schon hell begeistert, dass ALLE Samen aus dem Samenpäckchen aufgegangen sind? Aber so viele Pflänzchen passen ja gar nicht in den Garten! Eben – mitbringen, tauschen, verschenken!

Und dann kann noch gebastelt werden. Ganz einfach nimmt so ein Setzling in einem handgehäkelten «Übertopf» aus dickem Jutegarn Platz. Kindereinfach! Noch ein Papier-Schmetterling dazu und schon ist das Muttertagsgeschenk parat: sympathisch, natürlich, stylish! Oder wird es ein hängender Grasring?

Jetzt wäre ein Anlass bei Wilhelm Geigenbau aber keiner ohne Musik!

Lisa Öberg (Violine) und Edmund Riddle (Viola) eröffnen um 17 Uhr die Saison auf der Open-Air Geigenbühne mit

Mozart, Bartók und Volksmusik aus Schweden, Norwegen, aus Irland, Kanada, Makedonien und Rumänien.

Mehr dazu unter
www.wilhelm-geigenbau.ch

Maskenpflicht
Bei Regen findet nur der Markt statt (14-17 Uhr)
Verschiebedatum für das Konzert unter www.wilhelm-geigenbau.ch




«Wohnen im Obstgarten»

Eine riesige Mulde steht auf dem Parkplatz der Siedlung neben dem Restaurant «Sportplatz». Frauen und Männer verschiedenen Alters befüllen sie mit Ästen und Gesträuch. Es ist grosser Arbeitstag für die BewohnerInnen der Häuser an der Bachstrasse 95, die wie jedes Jahr im Februar die Hecken des Gemeinschaftsgartens stutzen. Dieses Jahr haben sie zum ersten Mal einen Profigärtner engagiert (Amsel-Gartenbau aus Suhr) für ein umfassenderes Auslichten. Die Dorfschreiberin hält in den nächsten Stunden einige BewohnerInnen von der Arbeit ab, weil sie herausfinden will, wie diese Art von Garten funktionieren kann.

Was macht diese Siedlung aus?
Auf 50 Aren Land stehen 10 Häuser. Zäune, um die 500 qm pro Haus als Eigentum zu reklamieren, gibt es keine. Ja, die BewohnerInnen dieser Siedlung müssen sich dazu verpflichten, keinen Zaun zu errichten. Der Baugrund war ursprünglich einer der grossen Obst- und Kleinviehgärten, die typisch waren für die Häuser im Feld. Als Ausgleich für die beim Bauen gefällten Bäume pflanzte jede Familie beim Einzug 1993 einen Hochstammbaum ihrer Wahl in den Garten.
Die Dorfschreiberin sieht vor den Längsseiten der Häuser Sitzplätze auf Kies, auf Holz, Pergolen, eine kleine Terrasse mit Zaun (nur hier erlaubt für den Hund), rankende Pflanzen direkt aus der Erde oder aus Töpfen. Ihr wird erklärt, dass dies die drei Meter «Sondernutzungszonen» für den individuellen Gebrauch sind, genauso wie der eine Meter seitlich der Häuser (Velounterstände, Materiallager). Der ganze Rest ist:

Gemeinschaftsland – mit Hecken an der äusseren Grundstückgrenze, Wiese und Bäumen.

«Gibt es da niemals Streit? Braucht es einen Chef?» fragt die Dorfschreiberin. Ihr wird erklärt, dass es hier um Stockwerkeigentum geht mit entsprechender Stockwerkeigentümergesellschaft, mit einem formellen Präsidenten und Sitzungen im siedlungseigenen Gartenhaus, die im Turnus geleitet werden. Kassier und Protokollführer als Ämter, die Konstanz benötigen, bleiben bei den gleichen Personen. Die Protokollführerin lädt z.B. an die Arbeitstage ein – der nächste im Mai, um alles sommerfein zu putzen und zu reparieren, ein «Abräumtag» im November. (Gerade bestellt sie Pizza für alle.) Im Vertrag für die Stockwerkeigentümer wurde festgehalten, dass alle Entscheide einstimmig erfolgen müssen. Man kommt also nicht darum herum, den Kompromiss zu finden. Klar, «Zusammenraufen» war nötig in der ersten Zeit, an grossen Streit kann sich niemand erinnern. Diskussionen um die Menge von Kinderspielgeräten auf dem Gelände gab es und Kompromisse zu Hasengehegen auf der Wiese, die pragmatisch ausfielen: nur die direkten Nachbarn müssen zustimmen. Alle Hüttli/ Ställe müssen bewegbar bleiben.

Rasenmähen und Feiern
Eine weitere gemeinschaftliche Aufgabe ist das Rasenmähen – jeweils zwei Häuser sind dafür zuständig. Das ergibt für jede Familie höchstens zwei Einsätze im Jahr, komfortabel mit einem Aufsitzmäher. Augenzwinkernd wird berichtet, dass mit dieser Wahl die Attraktivität des Rasenmähens für die Jungen erhöht werden sollte. Der Service am Rasenmäher erfolgt siedlungsintern dank gewiefter Praktiker vor Ort.
Im Übrigen gibt es bei nur 10 Parteien immer den schnellen informellen Weg. Über Partys im Gartenhaus wird z.B. per Siedlungschat informiert.

Lebensform
Die BewohnerInnen, die explizit diese Lebensform (und nicht ein Einfamilienhaus mit Keller und Umschwung) gewählt hatten, erklären, wie bereits Bauweise und Anordnung der Holzhäuser das Zusammenleben erleichtern: Grosse, bodentiefe Fenster wechseln sich mit Wandelementen ab, so dass man sich innen nicht ausgestellt, aber doch halb im Freien fühlt. Die Bereiche vor den Häusern sind zwar «öffentlich», dennoch hat man bei keinem Sitzplatz Einsicht in den der Nachbarn. Mehr Privatsphäre im Freien bieten die Dachterrassen mit den hohen Brüstungen.
Einerseits sind sie Rückzugsort – im Sommer gehe der Blick von oben auf ein Blättermeer, wird erzählt. Während des Corona-Lockdowns seien sie aber auch ein beliebter Ort für Gespräche über die Dächer hinweg gewesen. Eine Bewohnerin entdeckte im Homeoffice, wie belebt der Garten ist: Singdrosseln machten sich über die letzten Glockenäpfel her. Alle waren sich einig, dass die Offenheit ihrer Siedlung, der Blick in die Natur, und durchaus auch der in die Fenster der Nachbarn, ihnen freundlich versicherte, dass das Leben weitergeht.

Ein wenig Statistik
Von den 10 Familien, bzw. werdenden Familien, die vor über 20 Jahren einzogen, leben heute noch immer 8 hier. Fünf Familien kannten sich schon vorher – ihre Kinder waren gemeinsam in der Krabbelgruppe und teils sogar am gleichen Tag im « Storchennest » in Lenzburg zur Welt gekommen. Im Durchschnitt hat hier jede Familie 2,6 Kinder (Schweizer Durchschnitt: 1,6 Kinder).

Garten-Kunst

Die Dorfschreiberin will wissen:
«Kann ein Garten an einem der typischen Aargauer November-Nebeltage schön sein?»
Lea Mollet wohnt seit 2005 am Kirschenweg 6 und kann über diese Frage nur lachen. Wenn das nicht auch im Nebel wunderschön ist, wie die Salbeiblätter violettgrün, olivgrün und silbern changieren? Wie die Samendolden Schattentheater spielen und die letzten Rosenknospen rot blinken? Sie steht draussen vor dem Stubenfenster und zeigt ihre komponierte Aussicht. Am Hag zum Nachbarhaus wirkt eine Efeuwand als Bühnenhintergrund für die sanft rosa ausbleichenden Hortensien und die Hagebutten der vielen Rosensträucher.

Sie führt durch das Tor, das die Hainbuchen Hecke bildet, in das nächste «Gartenzimmer». Der Staudengarten hier ist der geborgenere Teil des Gartens mit dem grossen Sitzplatz. Der wird überkrönt von einer Platane, in deren Äste eine Kletterrose wächst, die die ganze Traufe entlang des Schopfs gezogen ist – nur zarte Rosenblätter im Frühling, im Sommer Schatten und Duft. Was für eine grandiose Idee! (Die die Dorfschreiberin dann doch in der Sonne fotografiert.) Lea erzählt, dass ein befreundeter Architekt diesen Baum für ein Bauprojekt hätte beseitigen müssen und um seine Aufnahme in ihrem Garten bat.

«Wie denkst du dir das alles aus?»
Lea schickt voraus, dass sie auf einem Bauernhof im Freiburger Seeland aufgewachsen ist. Sie hat erlebt, wie ihre Eltern Büsche und Bäume als Windschutz für die Äcker pflanzten und wie sich dadurch die Landschaft änderte. Ihre Mutter hat sich leidenschaftlich eingesetzt für die Vielfalt der Natur und hat das an ihre fünf Töchter weitergegeben. Während Lea Kindergärtnerin wurde, hat eine der Schwestern mit einem Blumenladen in Bern die Leidenschaft zum Beruf gemacht. Der Austausch zwischen ihnen ist natürlich «fruchtbar». Und Lea kennt die schönsten Staudengärtnereien, schaut sich viele Gärten an. Dabei stiess sie zum Beispiel immer wieder auf die «Weidenblättrige Birne», mit ihren silbrig glänzenden schmalen Blättern, den zarten Blüten, und verliebte sich. Inzwischen strukturieren deren filigranen Äste die Winteraussicht aus dem Stubenfenster. Die Dorfschreiberin ist hingerissen von den Pflanzennamen, die Lea so selbstverständlich benutzt – die «Härdöpfelrose, also wir sagen so, das ist eine Rosa rugosa…» und fragt nach Ratschlägen für die gewöhnliche Gärtnerin.

So eine Efeuwand z.B. würde Lea nicht mehr pflanzen, es sei wahnsinnig schwer, die Ausläufer aus dem Garten fern zu halten. Die Rosen behandelt sie bei Krankheiten nicht mit chemischen Mitteln, daher kann es vorkommen, dass sie kahl werden. Mit Begleitpflanzen, die sie dazu gesetzt hat, gleicht sie das ästhetisch aus – Lavendel, Salbei, Storchenschnabel, Gaura. Und sie, die angibt, übers Jahr gesehen einen halben Tag pro Woche für den Garten aufzuwenden, rät zu einem pragmatischen Umgang – den Schnecken gegenüber zum Beispiel. Phlox lieben sie einfach zu sehr, das sei ein aussichtsloser Kampf, wenn man ohne Gift arbeiten wolle. Den Kampf gegen den Buchsbaumzünsler hat sie gleichfalls aufgegeben. Und überhaupt solle man sich leichten Herzens für «unperfekte» Teile des Gartens entscheiden – bei ihr lebt in so einem Teil ein Igel und die Wildbienen bauen ihre Erdnester in die offenen Stellen der Wiese.

Die Löcher sind Nester der Wildbienen
Und hier wohnt der Igel relativ ungestört – neben dem Gartenweg voller Erdbeeren.
Und sie finden auch im Spätherbst noch Nahrung in Leas Garten
Im blühenden Efeu am Hauseingang summt es nur so von Insekten (am nächsten Tag in der Sonne…)

Mitbewohner: Igel und Insekten

Grundsätzlich entstehe Leas Garten nach einem inneren Bild. Das klingt so einfach, aber da muss die Dorfschreiberin einwenden, dass ohne Leas grosses Wissen, jahrelange Erfahrung und Arbeit, der Garten nicht in jedem kleinsten Fleckchen vielgestaltig wäre. Die Augen kommen gar nicht nach, immer Neues zu entdecken. Im Grossen wirkt er wie locker hingeworfen und so selbstverständlich, als ob es gar nicht anders sein könnte – ist das alles nicht die Definition von Kunst? Genau: grosse Garten-Kunst eben!
In der Stube mit dem Blick in den Garten unterhielten wir uns weiter – ist es Zufall, dass Lea vor einer Skulptur sitzt, die aus einem Nussbaum geschnitzt wurde? Und ihr Mann René bringt einen Stick voller Gartenbilder vom letzten Herbstsonntag – einfach hinreissend!
©René Mollet:

Das Gartenfest in der Mühlenmatte am 30. August

Am letzten Augustsonntag brachte ergiebiger Regen allen Pflanzen einen Energieschub, um sich im Spätsommer weiterhin prächtig zu entfalten, die Veranstalterinnen des «Gartenfestes» aber knapp vor die Verzweiflung. Sie merkten dann rasch, dass diese nicht angesagt war angesichts von über 40 regenfesten Suhrerinnen und Suhrern, die neugierig waren auf den Garten von FRAGILE! Kaum zu glauben, was die von Hirnverletzungen betroffenen Frauen in diesem Jahr schon zustande gebracht haben – es ist ein Universum entstanden, dessen Blüten sich durch die Monate abwechseln. Immerzu gibt es neue Nahrung für Bienen und Hummeln und Schmetterlinge und – für die Augen und das Gemüt der Gärtnerinnen und Betrachtenden.

Die skandinavischen Begrüssungsmelodien des «Diversion String Quartets» mischten sich wunderbar mit dem Regentrommeln auf das Zeltdach, ja, konnten es sogar übertönen…Die Ansprachen der Dorfschreiberin und von Jana Renker von FRAGILE Aargau hielten sich kurz, die Wärme des Nachbarschaftshauses rief…Dort genossen alle trotz der Hygieneauflagen den Apéro der eritreischen Frauen von «Solibrugg» (ehemals «Suhrwide») nebenan. Die Musiker spielten im «Logenraum» in der Mitte der Zimmerflucht und freuten sich ehrlich über diese neue Bühnenerfahrung.

Beteiligte und Helfende am Fest:
Jana Renker, Vorstand FRAGILE Aargau; Marianne Peter, Leiterin Geschäftsstelle FRAGILE Aargau/Solothurn Ost; Karin Schnellmann, Koordinatorin für FRAGILE in Suhr mit Gärtnerinnen Olivia und Marguerite.

Zehra Türkmen, Kulturkommission Suhr; Martin Zimmermann und Team, Zeltraum GmbH; Quartierentwicklung, Nachbarschaftshaus; Catering von Genet Mengstab und ihrem Helferinnenteam von Solibrugg – Saba Tsegai und Frewyni Ghebrekidan; Diversion String Quartet mit Gabriel Miranda (Geige), Robin De Stefani (Geige), Cyrill Greter (Bratsche), Matouš Mikolášek (Cello).

Der Schatz im Gemüsegarten

An der Bachstrasse gibt es schon seit langer Zeit einen besonderen Vorgarten. Zuerst bemerkt man hauptsächlich viel Grün und das Fehlen einer Hecke. Und dann schaut man genauer und es gehen einem die Augen über. Da sind neben- und untereinander Feigenbäume, Nachtkerzen, ein Apfelbaum, Pfingstrosen, Taglilien, Rosmarin, Lupinen, schwarze Johannisbeeren, rote und gelbe Rosen, ein Kakibaum (!), hoch aufragender Gewürzfenchel und als Bodendecker Petersilie, Erdbeeren, Oregano und Minze. Über einem kleinen Teich spannt sich ein Dach aus Weinreben.

Dieser Vorgarten gehört Salvatore und Teresa Rizzo. Der Hausmauer entlang wachsen Salbei, Rosmarin und riesige Basilikumbüsche, einige schon halb abgeerntet. Teresa füllt gerade in der Gartenküche an der Rückseite des Hauses ihr Basilikumpesto ab. Im Radio läuft ein italienischer Sender, zwischen Wannen und Sieben hängt eine Speckseite, grosse Töpfe stehen parat, Pastapackungen stapeln sich im Regal, Obst gärt in einem Fass und plötzlich scheint es gar nicht mehr sicher, ob diese Küche wirklich in Suhr steht.

Salvatore ist im Garten hinter dem Haus – und der ist richtig gross! Die Rizzos haben dieses Haus zu einer Zeit gekauft, als Selbstversoger-Gärten an der Bachstrasse noch selbstverständlich waren. Salvatore kam 1961 in die Schweiz, heiratete Teresa 1963 und holte sie nach Suhr. Beide kommen aus San Chirico Raparo in der Basilicata, ganz im Süden von Italien. Salvatore hatte eine Stelle auf dem Bau, bei der Firma Grundmann. Bei ihr hat er sich hochgearbeitet bis zum Polier und blieb dort bis zur Pensionierung. Mit Kollegen baute er Balkone und Terrassen an das Haus an und eben die Küche im Untergeschoss. Dort entstanden z.B. die Tomatensaucen für die Veranstaltungen des italienischen Elternvereins.

Gemüse im Überfluss
Der Garten wird nach hinten abgegrenzt von einer lebendigen, drei Meter hohen Mauer aus Stangenbohnen, nach links vom Tomatenhaus mit üppigen Pflanzen, rechts stehen noch mehr Obstbäume. Hinter den Buschbohnen entdeckt die Dorfschreiberin eine lange Reihe Meerrettich. Meerrettich in der italienischen Küche? Ja, mit Käse in Suppen! Und zwischen diesen Abgrenzungen wachsen Kürbisse, Stangensellerie, Auberginen, Peperoncini, Fenchel, Mangold und in langen Beeten erntereife Sommersalate und frisch angepflanzte Herbst- und Wintersalate – Chicorée, Zuckerhut, Endivie – und ein italienisches Bittergemüse, was Teresa heute zu Huhn und Kartoffeln kochen wird. Kartoffeln, erklärt Salvatore, hat er im Schrebergarten beim Feuerwehrdepot. Sie sind bereits geerntet und im Moment blühen dort die Buschbohnen. Noch mehr Garten? «Salvatore, wie alt bist du?» «82. In meiner Familie wird man alt.» Von den fünf Schwestern leben noch zwei in der Heimat, die eine 93, die andere 97. Die hat vor zwei, drei Jahren aufgehört zu gärtnern. Viele Samen hat er aus Italien, die Feigenbaum-Stecklinge von einer Cousine aus der Toskana. Und überhaupt zieht er seine Samen selber. Die schweizer Preise für die winzigen Samenpäckchen seien ja wohl verrückt. Er zeigt auf Buschbohnen, die schon ganz gelb sind – er hat sie nicht vergessen zu ernten, sondern extra für die Samengewinnung angepflanzt.

Der Rat an die GärtnerInnen
Salvatore führt in sein gläsernes Treibhaus mit Stapeln von Anzuchtschalen und Samendolden von Petersilie, die hier noch fertig ausreifen. Und dann öffnet er eine unscheinbare Plastikkiste und es tut sich ein Schatz auf. Stoffsäckchen liegen darin, z.B. angeschrieben mit «Basilico», «Zucchi», «Sedano» und Stoffrollen, die aussehen wie uralte Schriftrollen. In ihnen trocknet er jedes Jahr die Tomatensamen. Salvatore macht seit Jahrzehnten, was heute wieder in Mode kommt – Samen selber ziehen, weil sich so die Pflanzen mit der Zeit gut an die Bedingungen des Gartens anpassen. Er macht das wie bereits seine Eltern – weil es schlau und sparsam ist. Die Dorfschreiberin nimmt sich viel vor für ihren eigenen Garten…