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Die Wetterhexe von Suhr, Teil 3

Ein Zwerg hat Tim einen Tipp gegeben: Die Hexe, die für das Wetterchaos in Suhr verantwortlich sein soll, fände er nicht in der Bibliothek, sondern draussen in der Welt. Dort trifft er aber vorerst nur die Journalistin Frau Schneider, die nach einem Busunfall im Dorf gestrandet ist. Gemeinsam beschliessen sie, nach der Hexe zu suchen …

«Bist du sicher, dass wir hier nicht unsere Zeit verschwenden?», fragte Frau Schneider.

Tim war sich nicht sicher. Aber nachdem er nochmals über die rätselhaften Antworten des Zwergs nachgedacht hatte, erinnerte er sich an die Fragen, und eine davon war gewesen, wo er nach einer Hexe suchen würde. Tims erstbester Gedanke war: im Wald. Und so hatten sie sich auf den Weg gemacht, waren unterwegs von einem heftigen Regenschauer überrascht worden, der aber zum Glück, als sie den Waldrand erreichten, bereits nachgelassen hatte. Frau Schneider zog ihren durchnässten Pullover aus und hängte ihn über den Arm, um die wieder steigenden Temperaturen auszugleichen.

«Wenn hier ein Sturm losgeht, sitzen wir ganz schön in der Klemme», sagte sie, in die Baumkronen blickend. Offensichtlich bereute sie, in der Hoffnung auf eine skurrile Lokalgeschichte mit Tim mitgegangen zu sein.

«Ich weiss», erwiderte er. Der Ausflug ins Grüne war wohl doch keine so gute Idee gewesen, doch blieb ihm nun mal kein anderer Anhaltspunkt.

«Du gehst in die Oberstufe, ja?», fragte Frau Schneider weiter. «Und dieser Zwerg, der von der Hexe gesprochen hat, wie sah er aus?»

«Wie ein kleiner Mann», erwiderte Tim ungeduldig. Der Zwerg interessierte ihn nicht im Geringsten. «Wir sollten lieber herausfinden, was die Wetterhexe will.»

«Wenn es sie überhaupt gibt», warf Frau Schneider ein. Aber dass es die Hexe gab, schien sie zu hoffen – sonst wäre sie bestimmt nicht mitgekommen.

Sie gingen einen leicht steigenden Waldweg entlang. Zu beiden Seiten des Weges standen die Tannen dicht an dicht. Tim fragte sich, ob es am Wetter lag, dass die Umgebung so düster wirkte. Doch über ihren Köpfen schien sogar die Sonne. Frau Schneider war allmählich stiller geworden, spähte zwischen die Bäume, als erwartete sie einen hervorspringenden Wolf. Immer mal wieder kamen sie an Vitaparcours-Posten vorbei. Bei einem Posten mit Turnringen verlor sie die Geduld. Sie blieb stehen, warf den Pullover hin und versetzte einem der Ringe einen Stoss.

«Das macht keinen Sinn», sagte sie. «Kehren wir um.»

«Nein», gab Tim zurück. Er war selbst erstaunt, wie er mit einer erwachsenen Frau redete, die seine Lehrerin hätte sein können.

«Was schlägst du vor?», fragte sie eingeschnappt.

«Nur noch ein kleines Stück», erwiderte er.

Er stoppte den Ring, der in seine Richtung schwang. Als ein krächzendes Geräusch ertönte, liess er ihn vor Schreck los. Kurz darauf flog ein Eichelhäher über ihre Köpfe hinweg. Frau Schneider lachte angespannt.

«Wenn wir diese Hexe nicht finden, dann muss ich wohl über Vögel schreiben», sagte sie.

Tim schüttelte seufzend den Kopf.

Langsam gingen sie weiter. Der Weg stieg an, bis sie am höchsten Punkt des Waldes angelangt waren. Gleich hier gab es einen Platz mit ein paar Bänken und einer Feuerstelle, den man «Suhrerchopf» nannte. In Ermangelung einer sinnvollen Idee steuerte Tim darauf zu. Der Grillplatz war leer und verlassen – was Tim den Suhrerinnen und Suhrern nicht verübeln konnte, denn der sonst so entspannende Blick über Suhr war besorgniserregend. Die eisigen Stürme hatten dem Dorf stark zugesetzt. Fast alle Dächer waren durchlöchert oder eingerissen, der Verkehr war zum kompletten Stillstand gekommen. Der nahe Kirchturm sah aus, als würde er im nächsten Moment einstürzen. Während Tim besorgt auf das Katastrophenszenario unter ihm blickte, stupste Frau Schneider ihn an und wies in den Himmel: Dort hatte sich wieder eine gigantische, schwarze Sturmwolke aufgetürmt. Würde sie sich entladen, so fürchtete Tim, hätte für die Suhrerinnen und Suhrer das letzte Stündlein geschlagen.

Plötzlich erklang ein hämisches Kichern, das ganz und gar nicht zu dieser düsteren Zukunftsvision passte. Tim drehte den Kopf und zuckte überrascht zusammen. Auf einer Bank in der Nähe sass der Zwerg. Wie in aller Welt war er ihnen unbemerkt gefolgt?

«Ist das der Zwerg von der Bibliothek?», fragte Frau Schneider. Sie war sichtlich aus der Fassung gebracht.

«Ist deine Tante nicht etwas unhöflich?», fragte der Zwerg in Tims Richtung zurück. «So klein bin ich auch wieder nicht.»

«Sie ist nicht meine Tante», wehrte Tim ab.

Ohne darauf einzugehen, ergänzte der Zwerg: «Und übrigens habe ich einen Namen. Und zwar heisse ich …»

Es folgte eine seltsame Pause. Noch während sich Tim fragte, ob der Zwerg seinen eigenen Namen vergessen hatte, begann dieser seine Gestalt zu verändern. Die Luft flimmerte seltsam, ein flüchtiger Schatten huschte vorüber, und wo Augenblicke zuvor noch ein kleinwüchsiges Männlein gesessen war, sass nun ein gewöhnliches Mädchen, etwa im selben Alter wie Tim.

Frau Schneider, die die ganze Szene ungläubig beobachtet hatte, stellte mit schwankender Stimme die Frage, die auch ihm sofort durch den Kopf schoss: «Bist du die Wetterhexe?»

Das Mädchen lächelte. «Ihr mögt mich wohl so nennen. Aber als ich noch zur Schule ging, hatte ich einen Namen, und zwar …»

Fortsetzung folgt …