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Die Wetterhexe von Suhr

An einem frühen Julimorgen fiel eine Schneeflocke in die Suhre.

Sie erregte kein Aufsehen und verschwand ebenso schnell, wie sie aufgetaucht war. Auch die Wolke, aus der sie fiel, schien den Suhrerinnen und Suhrern nicht weiter ungewöhnlich: Sie sah völlig harmlos aus und wirkte wie der Vorbote eines sonnigen Tages. Selbstredend gab es nur wenige, die die Flocke in der Morgenstunde überhaupt bemerkten, und die Menschen, die es taten, hielten sie für ein Stäubchen, oder einen Überrest Blütenstaub, den der Wind aus der Krone eines nahen Baumes geweht hatte. Einzig ein Hundespaziergänger, unterwegs Richtung Bärenmatte, sagte später, er habe die Katastrophe erwartet – sein Hund habe beim Überqueren der Brücke den Fluss angebellt.

Der Tag, an dem die Flocke fiel, war ein Mittwoch. Die Schülerinnen und Schüler der Oberstufe freuten sich auf ihren freien Nachmittag. Ihre Freude wurde gedämpft, als sie nach draussen stürmten und feststellen mussten, dass die Temperatur inzwischen um mindestens zwanzig Grad gesunken war. Der Platz vor dem Bezirksschulhaus war stellenweise mit Eis bedeckt. Tim, einer der Schüler, die als Erstes auf den Platz rannten, rutschte auf dem Eis aus und schlug sich den Kopf am Boden an. Seine Klassenkameraden sagten später, er habe sich in jenem Moment nicht nur eine Beule zugezogen, sondern auch seine wirre Idee von der Wetterhexe.

Als Tim mit Kopfschmerzen zuhause ankam, hatte ein Schneeregen eingesetzt, der die Bachstrasse in kürzester Zeit in einen schlammigen Pfuhl verwandelte. Vom Fenster seines Zimmers aus beobachtete er, wie ein starker Wind die Äste von den Bäumen riss und über die Strasse schleuderte. Eine Radfahrerin hatte Pech, als ihr ein Ast zwischen die Speichen geriet. Sie stürzte und humpelte, das Rad neben sich herschiebend, zu einem Unterstand.

Um zehn Uhr wurde es dunkel und die Suhrer Strassen leerten sich, doch es kehrte längst keine Ruhe ein, im Gegenteil: im Bett liegend, hörte Tim, wie Hagel gegen das Fenster trommelte. Er hoffte, dass die Scheiben der prasselnden Wucht standhielten. Die Eltern sassen in der Stube und sahen fern; gedämpft drang die Stimme des Nachrichtensprechers zu ihm herauf: «Schlimmstes Unwetter in Suhr seit Jahren … ein Dorf im Ausnahmezustand …» Die Worte wurden von einem Donnergrollen verschluckt. Kurz darauf folgten ein helles Licht und ein ohrenbetäubender Knall. Ganz in der Nähe war der Blitz in einen Baum eingeschlagen.

Die Lage beruhigte sich erst gegen fünf Uhr morgens. Als Tim nach der schlaflosen Nacht frühstückte, schien sogar wieder die Sonne. Sein Kopf tat nicht mehr weh und das Unwetter von gestern wirkte nunmehr wie ein schlechter Traum. Froh um den blauen Himmel, aber zugleich etwas enttäuscht darüber, dass die Schule wegen des «Ausnahmezustands» nicht geschlossen hatte, radelte er zum Unterricht. Er dachte an die Worte des Nachrichtensprechers zurück. Was war mit den anderen Orten? Hatte es die nicht getroffen? Warum Suhr? Warum nicht Aarau, Buchs, Gränichen? Er versuchte sich einen Reim darauf zu machen, aber der Deutschtest, den er vormittags schreiben musste, liess es nicht zu. Darüber hinaus stellte sich bald ein neues, seltsames Problem: Am Nachmittag kletterten die Temperaturen so stark in die Höhe, dass sich die Schulzimmer in regelrechte Öfen verwandelten. An Konzentration war bei dieser unwirklichen Hitze nicht mehr zu denken – der Mathematiklehrer liess die Stunde vorzeitig ausfallen.

Zuerst Schnee und Sturm, und jetzt das. Einigermassen ratlos standen Tim und seine Kameraden auf dem Pausenplatz und wussten nicht, was sie mit sich anfangen sollten. Der lästige Unterricht fiel zwar aus, andererseits war das Wetter viel zu heiss, um vernünftig Fussball zu spielen. Tim schleppte sich nach Hause. Die Mutter hatte im Wohnzimmer das Radio angeschaltet. Er lauschte der Stimme, die verkündete: «Rekordhitze in Suhr … Brunnen ausgetrocknet …»

«Mama?», fragte er laut.

«Ja?» Seine Mutter stellte schwitzend einen Sonnenschirm auf der Terrasse auf.

«Passiert das nur in Suhr?»

«Ja, nur in Suhr», erwiderte sie und fächerte sich Luft zu. Dabei machte sie eine überraschte Miene, als sei sie sich erst in diesem Moment dieser merkwürdigen Tatsache bewusst geworden.

«Ist das nicht seltsam?», hakte Tim nach. «Da stimmt doch etwas nicht.»

«Das Wetter tut, was es will», meinte die Mutter zögerlich.

«Ja», sagte er. «Irgendjemand muss es auf uns abgesehen haben.»

«Und wer?»

«Das weiss ich nicht. Aber ich werde es herausfinden.»

Tim beschloss, ins Gemeindehaus zu gehen. Vielleicht wussten die Behörden mehr darüber, wer dafür verantwortlich war und etwas gegen Suhr haben könnte. Als er sein Fahrrad aus dem Keller schob, waren die Quartiersstrassen jedoch vollständig von Wasser überflutet. Tim musste sein Transportmittel wechseln. Er verstaute das Fahrrad wieder im Keller und holte stattdessen das Kanu seines Vaters hervor. Damit paddelte er der Bachstrasse entlang, durchquerte das Dorfzentrum und kam schliesslich vor der Treppe des Gemeindehauses an. Mit trockenen Füssen ging er hinein und suchte den Einwohner- und Kundendienst auf. Der Mann am Schalter meinte mürrisch, man wisse nichts über das Wetter, er könne sich ja in der Bibliothek darüber schlau machen.

Tim hielt nicht viel von dieser Idee und bezweifelte, dass er die Antwort auf seine Frage in einem Buch finden würde. Da er indes nichts Besseres zu tun wusste, befolgte er den Rat, stieg wieder ins Kanu und stand kurze Zeit später mit durchnässten Kleidern (während der Fahrt war er umgekippt) zwischen den Bücherregalen. Es war unheimlich still; vor den Fenstern tanzten wieder die Schneeflocken.

Als er zur Abteilung mit den Sachbüchern gehen wollte, hörte er ein seltsames Kichern. Eine Stimme flüsterte: «Ich weiss, wen du suchst, mein Lieber.»

Tim sah sich um und erblickte eine gebückte Gestalt.

Fortsetzung folgt…