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Gärten diesseits von Eden

Zum Abschied vom Gartenjahr

Die Dorfschreiberin fragte einen der Dorfpfarrer an, ob er aus seiner Perspektive etwas zum Thema «Gärten» beitragen möchte. Ganz abwegig ist dies nicht, spielt sich doch bereits die erste (und vielleicht bekannteste) Geschichte der Bibel in einem Garten ab. Es fragt sich sogar, ob die Utopie dieses Ur-Gartens nicht als Sehnsuchtsort den Hintergrund aller biblischen Erzählungen bildet.

     In einem Garten soll mit den Menschen alles begonnen haben. Nicht nur sei die ganze Schöpfung «gut» gewesen. Besonders angenehm hätten es Adam und Eva im paradiesischen Eden gehabt. Schön warm war es, Kleider brauchten sie keine. Und auch gutes und frisches Essen boten die Bäume, die der Schöpfer für seine beiden vegetarischen Gäste aus dem Erdboden wachsen liess, mehr als genug. Wäre in Adam und Eva nicht die sehr menschliche Frage erwacht, ob ihnen mit diesem «Grundeinkommen» nicht doch etwas fehlen würde, unser aller Ur-Eltern würden noch heute glücklich, nackig und ein wenig naiv in ihrem Gärtchen leben.

     Allerdings will diese alte Erzählung weder ein Märchen sein noch die wissenschaftlich genaue Darstellung des Beginns der Menschheitsgeschichte. Mythisch berichtet sie von dem, «was niemals war und immer ist» (Sallust) und stellt dabei die grosse Frage nach den «grundlegenden Lebensordnungen der Welt» (Zürcher Bibel): Was bedeutet es, in einer Welt zu leben, die zwar auf das «Gute» hin geschaffen, zugleich aber auch von erschreckend viel Ungutem durchzogen ist?

     Als Menschen leben wir immer schon diesseits von Eden. Wir freuen uns an den Gärten des Lebens, an ihrem Wachsen und Blühen, wissen aber auch, dass es unser Brot «im Schweisse unseres Angesichts» immer wieder neu zu verdienen gilt (und dass dies vielen Menschen bei aller Anstrengung kaum gelingt). Unsere Gärtnereien diesseits von Eden zu verrichten, bedeutet aber nicht, die Sehnsucht nach jenem «paradiesischeren» Garten aufzugeben. Könnte Gartenpflege nicht auch Sehnsuchtspflege sein? Es gesellen sich dann zu unseren privaten Gärten (an denen sich diejenigen, die sie haben, durchaus freuen sollen!) weitere Gärten: HEKS-Gärten zum Beispiel, in denen auch Flüchtlinge und Migranten/innen ihren Gartenanteil pflegen. Gemeinsame Gärten, in denen sich Menschen treffen können zum Spielen, Essen, Weinen und Lachen (beim Länzihuus planen wir einen solchen). Oder auch, wenn wir es in den Suhrer Gärten und auf den Suhrer Grünflächen vermehrt in aller Vielfalt einfach wachsen lassen. Etwa so wie es Franz von Assisi für die Klostergärten seines Ordens vorsah: Auch wenn diese Gärten der Klostergemeinschaft zur Ernährung dienten, sollte immer ein Teil des Gartens frei bleiben für wild wachsende Pflanzen. Sie erinnern an die in der Schöpfung liegende Kreativität und ihre überraschende Diversität. Möchten wir wirklich in einer Welt leben, in der alles von uns Menschen geplant oder sogar fabriziert ist?

     Meinen Text widme ich zwei Suhrerinnen, deren liebevoll-umsichtiges Verhältnis zu ihrem Garten mir als Dorfpfarrer besonders aufgefallen ist. Brigitte Wilhelm: Ich sehe sie am Zaun ihres Gartens an der Bachstrasse stehend mit jemandem plaudern. Und Ursula Wyss: Ich erinnere mich, wie wir beim Besuch zu ihrem 75. Geburtstag in ihrem vielfältig-wild wachsenden Gärtchen sitzen.

Andreas Hunziker