Ballet meets Streetdance – Ein Leben zwischen Welten

Contemporary Dance, Danse Contemporaine, Danza Contemporanea. Die Kunst des Ausdrucks, vereint mit enormer Körperbeherrschung und Kreativität. Das ist Anja Yehias Leidenschaft. Wo Stile wie Ballett und Streetdance aufeinandertreffen, ist sie zu Hause.

Die Tage werden wieder länger, die Abende scheinen heller. Nur der Wind bleibt rau und stürmisch. Es ist Sonntagmorgen, draussen erwacht langsam das Dorf, während wir am Wohnzimmertisch von Anjas Familie sitzen. Trotz des Prüfungsstresses hat sie sich für unser Interview Zeit genommen. Anja, ihre Eltern, ihre Schwester und ihre Katze wohnen in Hunzenschwil, zur Schule geht sie in Suhr. Während unsere Finger im geheizten Wohnzimmer langsam wieder auftauen, beginne ich bereits, Anja mit Fragen zu löchern – und sie gibt bereitwillig Antwort. Zwar lebt sie von Geburt an in der Schweiz, ihre Wurzeln sind jedoch weit verstreut. Ihr Vater kommt aus Ägypten und der Schweiz, ihre Mutter ist Österreicherin und Italienerin. Um zu werden, was sie heute ist, und vor allem: um zu jenem Tanzstil zu finden, der heute ihr steter Begleiter ist, hat sie einige Umwege gemacht; von Fussball im Männerverein über Reiten, Standardtanz, HipHop bis hin zu Wing Chun, einer chinesischen Kampfkunst, hat sie alles ausprobiert. Beim zeitgenössischen, also modernen Tanz ist sie schliesslich hängen geblieben.
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Wenn der Körper tanzen will
Die 16-Jährige, die eine derart starke Abneigung gegen Staubsaugergeräusche hat, dass sie sich beim Zimmerputzen die Ohren mit Stöpseln verschliesst und mit lauter Musik volldröhnt, singt und tanzt ständig und überall. Nur unter der Dusche tanze sie nicht. Rutschgefahr. Anja schmunzelt schelmisch und bietet mir etwas zu trinken an, während es draussen leicht zu nieseln beginnt. Und singen? Nein, singen ist kein Problem. Nur die Bewegung. Denn manchmal kommt es unvermittelt über sie. Dann übernehmen die Musik und der Rhythmus die Kontrolle über ihren Körper. «Einmal», erzählt sie, «stand ich am Bahnhof in Lenzburg, die Kopfhörer in den Ohren, und wartete auf den Zug. Ich fing unwillkürlich an, ein bisschen zu wippen, bewegte mich stärker, bis ich irgendwann voll drin war und ziemlich ungeniert tanzte. Plötzlich wurde ich mir bewusst, wo ich war – und ich rührte mich nicht mehr. Als ich mich dann umdrehte, standen zwei ältere Herren direkt vor mir. Sie diskutierten zum Glück intensiv über ihr Frühstücksgipfeli hinweg, so dass sie nichts mitbekommen hatten. Weiter hinten aber entdeckte ich zwei junge Typen. Sie grinsten frech und hielten die Daumen in die Höhe… Da musste ich auch grinsen.»

Positive Feedbacks hin oder her: Am liebsten tanzt Anja allein. Und Idole hat sie keine, denn zu tanzen, nur um populär zu sein, das ist ihr suspekt. «Ich tanze für mich, um mich auszudrücken, meine Gefühle rauszulassen. Vor anderen tanze ich nur zu schnellen Songs und zum Spass. Ich möchte mir nichts vorschreiben lassen.» Ruhige Töne, tiefgründige Musik, ausdrucksstarke Bewegungen, die völlige Hingabe – das alles findet nur in Anjas Keller statt. Dort, wo es im Sommer kühl ist, die Türen dick sind, ein Spiegel die Wand bedeckt und ein CD-Player etwas verloren auf dem Tisch steht, lässt sie ihren Ideen und Bewegungen freien Lauf.
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Konzentration, Emotion, Ausdruck
Als wir den besagten Keller betreten, damit Anja mir ihr Können präsentieren kann, anstatt immer nur davon zu erzählen, wird es merklich kühler. Sie setzt sich hin und zieht sich ihre DocMarten-Boots über die Füsse. Dann geht sie zum Tisch, legt das iPhone hin und beginnt durch die Playlist zu scrollen. Sie dreht sich fragend nach mir um: «Welche Musikrichtung?» Mit dieser Frage habe ich nicht gerechnet, und offensichtlich sieht man mir das auch an. Anja lacht. Dann entscheidet sie sich spontan für den Song «Elastic Heart» von der Sängerin und Produzentin Sia. Ein eher schneller Song, voller interessanter Nuancen, die Melodie reisst einen sofort mit. Eines von Anjas Lieblingsliedern, bei dem sie nicht lange still stehen kann. Ausdrucksstarke, fliessende Bewegungen und Drehungen gefolgt von Bodenelementen – ihr Tanz spiegelt genau jene Emotionen wieder, die auch ich beim Hören des Liedes empfinde. Ich bin beeindruckt von Anjas Mimik, vom vielfältigen, immer wieder wechselnden Ausdruck, der ihr Gesicht fest im Griff zu haben scheint. Konzentriert und zugleich frei, mit einer unglaublichen Ausdrucksstärke, die sämtliche Emotionen kaleidoskopartig aufblitzen lässt. Als das Lied zu Ende ist, habe ich das Gefühl, Anja taucht auf, aus einem für mich fremden Universum.
Nach einigen weiteren Liedern, zu denen mir Anja sämtliche Facetten des zeitgenössischen Tanzes präsentiert, treten wir den Rückweg nach oben an. Nach einer kurzen Verschnaufpause und ein paar Schlucken Eistee setzen wir unser Gespräch fort.

Star von Beruf – oder auch nicht
Ich erfahre, dass Anja, die lieber mit Freunden zu Hause Filme schaut, als auf Partys zu gehen, nicht nur tanzt, sondern auch noch Leiterin in der Jungwacht Blauring ist. In der Natur sein, irgendwo draussen, das ist ihr Ding. Tanzen an der frischen Luft, JuBla-Kinder instruieren, mit den Hunden der besten Freundin durch die Wälder streifen – für Anja schafft die Natur den perfekten Ausgleich zu ihrem sonst sehr schullastigen Leben. Wobei – so schlecht scheint ihr die Schule nicht zu gefallen; seit ihrer Kindheit nämlich hat sie einen sehr klaren Berufswunsch: Primarlehrerin. «Ganz früher mal wollte ich Star von Beruf werden. Mir wurde aber bald bewusst, dass das nicht gerade ein realistischer Wunsch ist, und so suchte ich mir ein neues Ziel.» Feuerwehrfrau, Berufsberaterin und dann eben: Primarlehrerin.

Zuerst einmal muss Anja im Sommer aber ihren Abschluss machen, dann vier Jahre Kanti oder Fachmittelschule. Mit ihrer fröhlichen, aufgestellten und sympathischen Art wird sie das zweifellos gut über die Bühne bringen. Und irgendwann wird sie als begeisterte Primarlehrerin ihren Schülern das Tanzen beibringen. Bestimmt. Bis dahin aber wird sie jede freie Minute ihrer Leidenschaft widmen. Ganz allein.
Ursina Mühlethaler

Contemporary Dance
Contemporary Dance, zu Deutsch: zeitgenössischer Tanz, ist ein Sammelbegriff für die choreografische Bühnenkunst der modernen Zeit. In diesem Stil vereinen sich verschiedene Tanzrichtungen, von Ballett bis hin zu HipHop-Elementen. Umgangssprachlich wird diese Tanzart auch «Modern Dance» genannt. Vor allem bei Kindern und Jugendlichen ist der Stil sehr beliebt, feierte aber auch schon mit grossen, weltberühmten Tanz-Ensembles Erfolge. Der von Emotionen geprägte Tanzstil etabliert sich immer mehr unter den herkömmlichen Standardstilen und findet überall grossen Anklang.

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